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Held Hermann

Disclaimer:
„Indianer“ ist eine rassistische Fremdbezeichnung. Das Wort „I*******“ wird im Text zensiert, der Begriff soll nicht reproduziert und normalisiert werden. 

Die folgende Rezension ist keine, die leicht von der Hand gegangen ist. Wir haben hin- und herüberlegt und diskutiert, wie wir Inhalte dieses Jugendromans, die uns massiv irritieren, benennen können, ohne dass es ein totaler Verriss wird. Normalerweise rezensieren wir auf buuu.ch keine Bücher, die wir für wenig oder nicht gelungen halten. Speziell für kleine Verlage kann eine schlechte Rezension fatale Folgen haben. Dieser Verantwortung sind wir uns durchaus bewußt.

Diese Rezension soll aus mehreren Gründen trotzdem hier zu lesen sein. Da ist einmal der historische Background. Das Thema „ im Mühlviertel“ ist bis dato wenig bearbeitet und für große Teile der Freistädter_innen (und darüber hinaus erst recht) unbekannt. Viele Forschungsfragen der Zeitgeschichte sind offen, ZeitzeugInnen gibt es kaum noch. Speziell Jugendbücher rund um den mit einem Österreich-Schwerpunkt existieren wenige, jedes neu hinzukommende wäre eine Bereicherung für den Literaturkanon, der dann beispielsweise im Unterricht eingesetzt werden kann. Denn dort, wo es einen lokalen Bezug gibt, können historische Vorgänge pädagogisch besser erfasst und verstanden werden, das gilt in der Regel für alle Altersgruppen.

Held Hermann beschreibt eindrucksvoll, sensibel und in kinder- bzw. jugendgerechter Sprache für alle ab ca. 12 Jahren die letzten Jahre vor Kriegsende, die dörfliche Struktur im oberösterreichischen , das Aufwachsen in einer sozialistisch geprägten Familie und die damit verbundenen Schikanen und Gefahren durch die nationalsozialistischen SchulkollegInnen, NachbarInnen oder LehrerInnen. Der Autorin gelingt es eine Stimmung zu vermitteln, in der Hermann und seine gleichaltrigen Freunde neben dem Zwang bei der Hitlerjugend aktiv zu sein immer auch eigene Freiräume ausloten können. Besonders die engen Bezüge zwischen den Burschen und die tiefe Loyalität, die die Kinder ihren Familien, aber auch untereinander entgegenbringen, ist eine Stärke des Romans. In kleinteiligen Schilderungen von Begegnungen und Alltagserlebnissen stoßen die Burschen auf geheime Handlungen der Erwachsenen, die sich später als Widerstandshandlungen der Freistädter SozialistInnen herausstellen, die beispielsweise desertierte Wehrmachtssoldaten versteckt hielten oder Geld zur Unterstützung von betroffenen Familien sammelten. Auch die permanent drohende in Gestalt der Gestapo, das (Halb-)wissen der Kinder über Konzentrations- und Todeslager, ständiger Hunger, kreative Überlegungen zur Essensbeschaffung und die Hoffnung auf das baldige Kriegsende werden in die Schilderungen aus der Ich-Perspektive durch Hermann eingewebt und gekonnt in Bezug zu Zeit und Ort gesetzt.

Ein wichtiges und notwendiges Buch und doch gibt es bezüglich eines wesentlichen und omnipräsenten Stilmittels des Romans einiges zu kritisieren. Als eine Art Gegenmacht (wohl zur Hitlerjugend) wird eine „I******geschichte“ konstruiert, in der sich der Titelheld mit den „edlen Wilden“ identifiziert. Leitl streut laufend und seitenweise Referenzpunkte darauf in die Erzählung ein. Hermann bekommt am Beginn der Handlung einen Roman von Karl May geschenkt und wird zeitweise zu „Häuptling Falkenauge“ oder seine Mutter zur „Großen Eisenfaust“. Er schleicht wie ein „I******“ oder ist so leise wie Winnetou, er tarnt die Spuren wie die „I******“, er ist listig und so weiter. Es wird nicht etwa kurz angedeutet, dass diese Abenteuergeschichten damals für Millionen Kinder und eine Möglichkeit der Flucht vor den Grausamkeiten der Realität war, sondern als eine Art Side Story seitenweise in die Länge gezogen.

Es stellt sich die Frage, welchen Zweck die Autorin damit verfolgt hat, denn notwendig oder für den Roman entscheidend sind die beanstandeten Passagen keinesfalls, im Gegenteil. Sie tragen – wenn dann – nur minimal zu einer (scheinbar) authentischen Stimmung bei. Vielleicht haben sich manche Burschen oder eben auch der Großvater der Autorin, wie im Nachwort angesprochen, damals so gefühlt und sich mit Karl May-Legenden identifiziert, wir wissen es nicht. Autobiographisch ist die Geschichte nicht, darauf wird ausdrücklich hingewiesen.

Die Rezeption von Karl-May-Romanen im Nationalsozialismus ist ambivalent und diffus. Hitler galt zum Einen als großer Fan, immer wieder gab es Versuche Karl Mays Werke für NS-Propagandazwecke zu verwenden. Andererseits passten zeitgenössische Interpretationen von Karl Mays Romanen, in denen Frieden und gegenseitige Koexistenz unterschiedlicher Kulturen als zentrale Werte gelesen wurden, nicht so recht ins Bild der völkischen Adaptierungsversuche. Allein aus diesem Grund, der Ambivalenz und Komplexität des Themas “Karl May und NS”, würden wir hier den Gebrauch eines rassistischen “I******-Sujets” entschieden und in aller Deutlichkeit ablehnen.

Weiters muss aus einer antirassistischen und antikolonialistischen Perspektive diese Art der Romantisierung und Verkitschung indigener nordamerikanischer Kultur entschieden abgelehnt werden. „I*******“ gab es in dieser Form nicht, sie müssen als eine anmaßende, europäische Erfindung, als kolonialistisches Fantasiekonstrukt erkannt und kritisch hinterfragt werden, in jeder Spielart. Kein Jugendbuch sollte im Jahr 2020 oder darüber hinaus unreflektiert erfundene Stereotype und Klischees der „edlen Wilden“ reproduzieren, aus pädagogischer Sicht scheint gerade beim Kernthema des Romans die unhinterfragte Wiedergabe der Karl May-Ideologie unpassend und fehl am Platz.

Es ist leider eine Tatsache, dass hierzulande wenig Wissen über und Interesse an indigenen Lebensrealitäten und Kulturen, Kolonialismus und dem Genozid an den unterschiedlichen heterogenen Bevölkerungsgruppen der Ersteinwohner_innen Amerikas vorhanden ist. Obendrein ist kaum pädagogisches Material diesbezüglich verfügbar. Warum das I-Thema in progressiven Kinderbüchern keinen Platz hat, hat Carla vor einiger Zeit aufgedröselt. Dabei geht es übrigens nicht um politische Korrektheit. Sie schreibt:

Die Frage „Darf man das heute überhaupt noch sagen?“ erübrigt sich von selbst und zwar in jeder Hinsicht. Du darfst sagen, was du willst! Es gibt weder ein gesetzliches Verbot, noch eine andere höhere Instanz, die es dir verbietet. Auch wenn Rechte was anderes behaupten: Es gibt keine Sprechverbote. Die schlechte Nachricht: Du musst dir deine eigenen Gedanken dazu machen und dich informieren.

Daher fragwürdig und bezeichnend gleichermassen, dass offenbar niemand, der mit der Veröffentlichung dieses Buchs zu tun hatte, den zugrundeliegenden Rassismus dieses Sujets erkannt hat und auch bislang kein_e Rezensent_in im deutschsprachigen Raum darauf aufmerksam wurde. Im Gegenteil – das Feuilleton ist begeistert.

Wir können in diesem Kontext die Autorin nur ermutigen in einer Neuauflage des Romans, die wir uns zweifelsfrei wünschen, die gesamte “I******”-Thematik zu streichen, da diese für die Erzählung ohne jede Bedeutung ist. Durch die feinfühligen Schilderungen entsteht auch so eine authentische Stimmung und ein Gefühl für die Geschehnisse der damaligen Zeit.

Leonora Leitl: Held Hermann ( 2020),€ 19,95

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