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„Bei den Indianern“, „Fliegender Stern“, „Yakari“ und Co.: Warum wir keine „Indianer“bücher lesen

(Titelbild: Kinderbücher, die wir stattdessen lesen, ein kleiner Auszug)

Ich habe während des Studiums der Primarstufenpädagogik begonnen, mich mit dem Thema „Indianer“ intensiver auseinanderzusetzen. In kaum einer Schule, die ich im Rahmen meiner Ausbildung besucht habe, bin ich nicht in irgendeiner Form darüber gestolpert.

 

A, E, I, O, U sind laut dem aktuell in Österreich und Deutschland gebräuchlichen Schulbuch „ABC der Tiere“ „Indianerlaute“

 

„Indianer“ sind im deutschsprachigen Raum aber auch über die Schule hinaus sehr präsent. Wer dort nicht über sie „lernt“, „kennt“ sie aus Fernsehserien, als Verkleidung im Fasching und natürlich aus Kinderbüchern.

Apropos Fasching: Ella aka Ringelmiez hat einen sehr lesenswerten Beitrag zum Thema „Indianer“kostüme und Alltagsrassismus (und ein Nachwort) geschrieben und warum es nicht ok ist, sich als „Indianer“ zu verkleiden. Sie beleuchtet vor allem den Aspekt der kulturellen Aneignung.

 

 

Diese Karnevalssaison startete in Deutschland eine Kampagne, die ursprünglich von Rassismusbetroffenen aus den USA konzipiert wurde: „Ich bin kein Kostüm!Für diese Menschen sind alltagsrassistische und diskriminierende Erfahrungen weder harmlos noch witzig. Ihre Stimmen vermehrt hörbar zu machen, eine neue öffentliche Diskussion anzuregen, in der auch Interessensvertretungen von Menschen of Color zu Wort kommen und neue kreative und inklusive Karnevalstraditionen zu ermöglichen, ist das Ziel dieser Plakataktion. Die Kampagne soll dafür sensibilisieren, dass die Bilder, die die Kostüme wiederaufgreifen und sie zu „den Anderen“ machen, ihr Leben nachhaltig negativ beeinflussen und nicht „okay“ sind. Auch 2018 immer noch beliebte und häufig anzutreffende Kostüme stärken rassistische und stereotype Bilder. Europäer_innen benutz(t)en diese Bilder, um Ausbeutung und Unterdrückung von bestimmten Menschengruppen zu rechtfertigen. Dies ist den wenigsten Träger_innen der Kostüme bewusst. Die Zeit des Kolonialismus und der sogenannten „Entdeckungen“, die mit Massenmorden und anderen Gräueltaten einhergingen, wird bislang schlicht nicht ausreichend aufgearbeitet.

 

Aus „Du gehört dazu. Das große Buch der Familien“ (2010)

 

Weil dies ein Blog ist, in dem es um progressive Kinderliteratur geht, möchte ich darlegen, warum die Darstellung von „Indianern“ in solcher keinen Platz hat. Es gibt davon jedoch allerhand: Zum Beispiel „Der Kleine Drache Kokosnuss bei den Indianern“, die Kinderbuchreihe „Yakari“,„Wieso, Weshalb, Warum“-Bücher sowie Pixibücher („Große Abenteuer für kleine Kerle. Piraten, Ritter, Indianer – die beliebtesten Abenteuer-Themen für Jungs”). Wer sich einen Überblick verschaffen will, kann ja mal „indianer kinderbuch“ in die Suchmaschine der Wahl eingeben.

Darüber hinaus erscheinen viele Kinderbücher, die auf den ersten Blick ganz gut wirken, in welchen sich dann aber die eine oder andere Abbildung eines stereotypen „Indianers“ oder einer solchen Verkleidung wiederfindet. Ich wünsche mir diesbezüglich mehr Bewusstsein. Doch bevor ich weiter auf Darstellungen in Kinderbüchern eingehe, gibt es Begrifflichkeiten zu klären.

Was sind eigentlich „Indianer“?

Bei dem Begriff „Indianer“ handelt es sich in erster Linie um eine europäische Projektionsfläche und ein Fantasiekonstrukt1,. Dieses ist im deutschsprachigen Raum vor allem durch Romane, Bücher, Comics, die von weißen Europäer_innen verfasst wurden, geprägt. Wer im Duden nachliest, sieht, dass der Begriff vor allem biologisch und ethnologisch untermauert ist und an biologistische Rassevorstellungen2 anknüpft.

Gleichzeitig weist der Duden nicht darauf hin, dass das, was unter „Indianer“ zusammengefasst wird, viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, politischen und gesellschaftlichen System zusammenfasst. Wenn man das Wort nachschlägt, findet man folgendes:

„Angehöriger der in zahlreiche Stämme verzweigten Ureinwohner Amerikas mit glänzend schwarzem Haar u. rötlich brauner bis gelblicher Hautfarbe: die nordamerikanischen I. leben meistens in Reservaten; ein I. kennt keinen Schmerz (scherzh.; man muss tapfer, darf nicht wehleidig sein)“3

 

Aus „Meine bunte Wörterwelt“ (2006)

 

Europäisches Fantasiekonstrukt meets historisches Missverständnis

Dass es sich bei der Bezeichnung „Indianer“ um ein historisches Missverständnis handelt, ist den meisten Menschen bekannt: 1492 landete Christoph Kolumbus in Amerika, dachte aber, es handle sich um Indien und gab den Bewohner_innen des Kontinents in weiterer Folge diesen Namen. Obwohl den meisten Menschen diese Tatsache bekannt ist, wird der Begriff trotzdem weiter verwendet. Während man in der Regel nicht sehr stolz darauf ist, historische Irrtümer weiterzutragen, wird in diesem Fall die Tatsache nicht nur ignoriert, sondern ganz im Gegenteil eigentlich sogar stets hofiert4. Es handelt sich bei dem Begriff nicht nur um ein harmloses historisches Missverständnis sondern eigentlich um eine entpolitisierende Verharmlosung5: „Indianer“ werden nicht als Amerikaner_innen betrachtet. Obwohl sie selbst die Ersteinwohner_innen des Kontinents waren, wird ihnen eine Existenz vor der kolonialen Entdeckung abgesprochen. Sowohl ihre als auch Amerikas Geschichte beginnt nicht mit Christoph Kolumbus.

 

Aus „Das Beste von Allem“ (2015)

 

Der Begriff „Indianer“ blendet außerdem aus, dass es sich bei den Ersteinwohner_innen Amerikas um viele sehr heterogene Bevölkerungsgruppen handelt(e). Die damals und heute existierende kulturelle, geschichtliche und sprachliche Vielfalt wird durch den Begriff unsichtbar gemacht. Diese Homogenisierung beruht auf einer kolonialistischen Anmaßung6. Die vielfältigen Bevölkerungsgruppen, Kulturen und unterschiedlichen Gesellschaften Nord- und Südamerikas waren für die Erober_innen nicht relevant.

Die Bezeichnung „Indianer“ ist also, abgesehen davon, dass sie historisch nicht korrekt ist, rassistisch und exotisierend durchsetzt.

Was darf ich denn dann sagen?

Die gute Nachricht: Die Frage „Darf man das heute überhaupt noch sagen?“ erübrigt sich von selbst und zwar in jeder Hinsicht. Du darfst sagen, was du willst! Es gibt weder ein gesetzliches Verbot, noch eine andere höhere Instanz, die es dir verbietet. Auch wenn Rechte was anderes behaupten: Es gibt keine Sprechverbote. Die schlechte Nachricht: Du musst dir deine eigenen Gedanken dazu machen und dich informieren.

Ich finde es nicht sonderlich sinnvoll, auf das Wort „Indianer“ zu verzichten, ohne darüber hinaus nachzudenken und sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Ich fände es sogar ziemlich kontraproduktiv.

Ähnliches gilt nicht nur für dieses Thema, sondern für alle Lebensbereiche. Es ist immer eine gute Idee sich aktiv mit internalisierten Denkmustern zu beschäftigen, sie zu hinterfragen und zu verlernen. Höre jenen zu, die von Diskriminierung betroffen sind und mache dich deiner eigenen Privilegien bewusst.

Und wie kann ich jetzt wirklich sagen???

Es gibt Alternativen zu homogenisierenden, veralteten und rassistisch belegten Fremdbezeichnungen. Zunächst einmal ist es wichtig, zu überlegen, von welcher spezifischen Gruppierung man genau sprechen will, um ihre Eigenbezeichnung verwenden zu können. Wenn man sämtliche in Frage kommende Gesellschaften sprachlich verallgemeinern will, sollte man sich bewusst machen, dass es sich dabei um ein künstliches Konstrukt handelt. „Die Indianer“ gibt es schlicht nicht.

 

Aus „Wir sind nett von A bis Z“ (2017).

 

Eine sprachliche Zusammenfügung macht lediglich dann Sinn, wenn es sich um Zusammenhänge handelt, die alle Mitglieder dieser Gruppen potentiell betreffen. Zum Beispiel wenn es um strukturelle rassistische Diskriminierung geht. In diesem Fall kann man auf die von den Gruppen selbst verwendeten Begriffe wie Premier Peuples, First Nations oder die deutsche Übersetzung Ersteinwohner_innen zurückgreifen7.

Und das Ganze umgelegt auf Kinderbücher

Eine bildliche Zusammenfügung, also eine stereotype Abbildung, macht im Gegensatz zu einer sprachlichen überhaupt nie Sinn. Wenn man ein westliches Fantasiekonstrukt darstellen will, das es in dieser Form nie gegeben hat, das aber rassistisch und exotisierend durchsetzt ist (und im schlimmsten Fall auch noch Völkermorde verharmlost), dann ist klassische Abbildung eines stereotypen „Indianers“ wohl passend. Diese hat aber in progressiven Kinderbüchern keinen Platz.

 

Aus „Mein erstes ABC“. (1976)

 

Mir ist klar, dass in den meisten Fällen die Abbildung von stereotypen „Indianern“ nicht „negativ gemeint“ ist, sondern oft sogar sehr wohlwollend (Stichworte: „Edle Wilde“). Wie wir wissen: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Der gute Wille macht es die Darstellung nicht richtiger und reproduziert in weiterer Folge Exotisierung. Exotisierung kann leicht in rassistischen Vorurteile umschlagen. Dies geschieht beispielsweise dann, wenn das Fremde mystifiziert, romantisiert oder sexualisiert und als naturnah betrachtet und damit auf einer niedrigen Entwicklungsstufe angesiedelt wird.

Eine Alternative für alle, die sich für die Geschichte Amerikas interessieren, sind Kinderbücher aus der Perspektive (im Idealfall auch geschrieben) von Angehörigen einer der zahlreichen First Nations. Leider sind mir auf Deutsch keine bekannt. Auf Englisch gibt es aber allerhand Ressourcen und als Service gibt’s hier unten ein paar Listen zum durchklicken. Das wäre auch eine Idee für fortschrittlich bzw. zeitgemäß agierende Verlage, sich der einen oder anderen Übersetzung anzunehmen. Interesse an Ersteinwohner_innen Amerikas gibt es im deutschsprachigen Raum ja offensichtlich mehr als genug.

#IndigenousReads by Indigenous Writers: A Children’s Reading List

10 Beautiful Indigenous Children’s Books To Add To Your Library

Indigenous & First Nations Kids Books – Strong Nations

MUST READ INDIGENOUS CHILDREN’S BOOKS LIST

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1 Nduka-Agwu, A. (2013). >Indianer_in<. In A. Nduka-Agwu, & A. L. Hornscheidt, Rassismus auf gut Deutsch: Ein kritisches Nachschlagewerk zu rassistischen Sprachhandlungen. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel. S.141
2 (ebd.)
3 Duden, 2002, S. 1952
4 Nduka-Agwu, A. (2013). S. 143
5
Arndt, S. (2012). Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus. München: Ch. Beck. (S. 92)
6
Nduka-Agwu, A. (2013). S. 144
7
Nduka-Agwu, A. (2013). S. 145

2 thoughts on “„Bei den Indianern“, „Fliegender Stern“, „Yakari“ und Co.: Warum wir keine „Indianer“bücher lesen

  1. Ich vollziehe nicht nach, warum “Bei den Indianern” (Ravensburger) hier in diese Reihe gestellt wird. Sicher, auf dem cover sind – dem Klischee entsprechend – Sioux (glaube ich) mit Tipis abgebildet, die erste Doppelseite danach ist ein Überblick über verschiedene first nations auf dem nordamerikanischen Kontinent, jeweils mit den typischen Gebäuden. So zieht sich dass durch, dass die Vielfalt und das was die first nations kulturell produziert haben illustiret wird. Die Vertreibung wird thematisiert, mit weissen siedlern als schuldigen – die Seuchen und Massenmorde halte ich für ein ungeeignetes Thema für ein Buch für Kindergartenkinder.
    Insgesamt halte das für eine okaye Art, kindliche Neugier aufzugreifen. Meine interessiert es halt nicht.

    Warum seht ihr hier keinen qualitativen Unterschied zu z.B. Yakari? Wie, in welchem Alter, was, in welchen Umfang erfahren eure Kinder von den first nations, bzw. was wäre eurer Meinung nach geeignet?

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