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Die Shoah den Kindern erklärt

Das geheimnisvolle Verschwinden der Näh- und Stecknadeln aus dem Geschäft der Nuvoletta Gentile

Die Frage, wie man Kindern samt erklärt, ist eine, die mich seit langem beschäftigt. Nicht erst, seit dem ich selber ein Kind habe, sondern weit davor. Die Beschäftigung mit dem und der lebenslängliche Auftrag “Niemals vergessen!” spielt als österreichische Angehörige einer TäterInnen-Generation eine wichtige Rolle betreffend der eigenen, höchstpersönlichen Verantwortung als auch in der Bereitschaft, sich mit nachfolgenden Generationen aktiv damit auseinanderzusetzen. Auch in der Kinder- und Jugendarbeit ist Erinnerungsarbeit oder -Education ein wichtiges Schlagwort, das es mit antifaschistischem Inhalt zu füllen gilt.

Die Bildsprache ist grau & gewaltvoll.

Wie kann man Kindern und Jugendlichen also begreiflich machen, was damals passiert ist? Wenn ich es doch nicht einmal selbst verstehe, wenn ich noch nicht einmal selbst weiß, wie es dazu kommen konnte. Also natürlich weiß ich Bescheid, auf der faktischen, rationalen Ebene. Es gibt Fotos, Berichte, Bücher, jede Menge Literatur, Videos, Dokus, Filme. Emotional ist es oftmals ein großes Fragezeichen. Ein Unverständnis. Ein Nicht-Begreifen-Können.

Mit Kindern über die reden

Daher glaube ich, dass es keinen richtigen oder falschen Weg gibt, wie man Kindern den Holocaust erklären kann, darf oder soll. Jedes Kind ist anders, versteht und lernt anders. Ein Buch zur Erklärung ist nicht genug, es braucht eine Fülle, eine große Bandbreite aus unterschiedlichen Erzählungen und Berichten. Weil es so viele unterschiedliche Sichtweisen gab, Strategien zum Überleben, . Und auch “erklären” greift zu weit: Denn oft ist es nur eine Annäherung oder besser, kann nur eine Annäherung sein. Zu komplex ist die Thematik, zu facettenreich die Geschichte. Ein Buch reicht nie, kann nie reichen. Nicht für Kinder, nicht für Erwachsene.

Nähnadeln

Vorliegendes Buch ist eine Übersetzung aus dem Italienischen – vielleicht für Kinder ab 5 oder 6 Jahren geeignet, manche früher, manche später. Je nach Vorwissen und Interesse. Es beginnt als freundliche Erzählung von einem kleinen Dorf mit schönen Häusern und dem Geschäft einer Näherin, Nuvoletta Gentile. Ihre Nähnadeln singen gern, die Stimmung ist gut. Da kommt ein Brief vom Bürgermeister, der Inbegriff der Autorität schlechthin. Er bestimmt, ganz allein und nur für ihn selbst. Er verkündet: Die Schneiderei gehört nun ihm. Einfach so. Er ist das Gesetz, er schafft an. Sein Markenzeichen: Ein markanter Schnurrbart. Er marschiert ein, will alles zum Besseren verändern, und schafft kurzerhand die Näh- und Stecknadeln ab. Sie werden nicht mehr gebraucht und wandern in die Schublade. Sie werden eingesammelt, eingesperrt in winzige Plastikröhrchen ohne Luft zum Atmen und am Ende sollen sie alle eingeschmolzen werden. Immer mehr Röhrchen verschwinden im Ofen, doch eine kleine Nähnadel leistet Widerstand…


Puuuhhhh. Ich bin mir nicht sicher, wie ich es finden soll, wenn Menschen mit Nähnadeln verglichen werden, irgendetwas sträubt sich da in mir, irgendwie erscheint mir das nicht richtig, es ist verharmlosend. Vor allem, da die Geschichte deswegen nicht einfacher wird. Der Vorgang der Vernichtung der Nadeln bleibt grausam, barbarisch, erst recht für kleine Kinder, die in alltäglichen Gegenständen oft genauso Leben oder eine Seele sehen.

Mein Fazit: Für manche Kinder wird das Buch passen, für andere nicht. Wir haben es ab nun zuhause und es wird wohl eins von vielen Kinderbüchern sein, die in ein paar Jahren zum Thema vorgelesen oder selbst gelesen werden. Was dann das Kind dazu sagen wird, bleibt spannend. Den Titel finde ich übrigens schlichtweg falsch. Nicht die Shoah wird erklärt, sondern – wenn dann – Teilaspekte einer totalitären, faschistischen Gesellschaft.

Paolo Valentini & Chiara Abastanotti: Die Shoah den Kindern erklärt (bahoe books), 12€

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