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Wie du mich siehst

Shirin ist mit ihrer Familie bereits mehrmals umgezogen. Ihre Eltern, Einwanderer_innen aus dem Iran, wünschen sich für ihre Kinder in den USA ein Leben, in dem ihnen alle Möglichkeiten offen stehen. Aber zwei Jahre nach den Anschlägen des 11. September wird die 16-jährige Shirin, die Kopftuch trägt, wie in jeder neuen Schule auch in dieser mit konfrontiert und muss Beschimpfungen und Übergriffe ertragen, nicht nur von Mitschüler_innen, sondern auch von Lehrkräften. Ihr älterer Bruder Navid ist hingegen der „süße Neue“, der schnell Freund_innen findet und seine Schwester zwar unterstützt, aber trotzdem nicht ganz verstehen kann. Ihre Rektion auf den geballten Hass, den sie immer wieder erleben muss, ist der Rückzug von allen. Mit der Musik aus den Kopfhörern, die sie unter dem Tuch verstecken kann, erträgt sie Stunden mit teils ignoranten, teils offen rassistischen Lehrer_innen und die Pausen, in denen sie immer wieder angestänkert wird. Nur einer der neuen Mitschüler_innen, Ocean, kann durch sein ausdauernd freundliches Verhalten schließlich zu ihr durchdringen. Als sie sich ineinander verlieben hat Shirin noch gar nicht mitbekommen, dass Ocean der Star des Schulbasketballteams ist.

Doch auch Shirin hat ein Talent, das sie nicht nur von ihren tristen Schultagen ablenkt, sondern durch das sie Kraft und Mut findet, zu zeigen, wer sie ist. Mit ihrem Bruder und dessen Freunden übt sie Breakdance, besucht Battles und nimmt schließlich sogar an der Talentshow der Schule teil.

Als die Beziehung zwischen Shirin und Ocean publik wird, geschieht genau das, was Shirin befürchtet hat. Ocean wird unter Druck gesetzt, die Beziehung zu beenden, von Mitschüler_innen, seinem Coach; auch seine Mutter versucht Einfluss zu nehmen, indem sie Shirin eine Trennung nahe legt. Shirin schlägt erneut Hass entgegen, nachdem sich die Aufregung über die „Neue mit dem Kopftuch“ bereits einigermaßen gelegt hatte. Doch dann wendert sich das Blatt erneut.


Die Geschichte von Shirin beruht teilweise auf den Erlebnissen ihrer Schöpferin, Tahereh Mafi, die nicht nur den Rassismus nach dem 11. September als Teenager erleben musste, sondern die sich auch in Musik und Breakdance-Training flüchtete.

Tahereh Mafi zeigt eindrücklich, was Rasissmus mit betroffenen Menschen macht. Shirin muss nicht nur täglich mit Verletzungen umgehen, sie fühlt sich dadurch zum Rückzug gezwungen, hat Angst, Freund_innenschaften einzugehen und ist zutiefst verunsichert. Gleichzeitig ist sie aufgrund ihrer Familie auch sehr selbstbewusst und fühlt sich geliebt. Ihr Vater – ein begeisterter DIY-Anhänger, der ihr nähen, holzhacken, Autoreifen-flicken und vieles mehr beigebracht hatte, schätzt ihre Meinung zu seinen diversen Projekten und unterstützt sie in ihren. Die Mutter, eine gebildete und starke Frau, versteht zwar Shirin nicht ganz – im Vergleich zu ihren Erfahrungen mit der iranischen Revolution hält sie Shirins Probleme für Lappalien – zeigt ihre aber auf andere vielfältige Weise. Dieser Hintergrund gibt Shirin die Kraft, sich immer wieder zu Wehr zu setzen.

„Wie du mich siehst“ ist aber auch eine romantische Liebesgeschichte einer jungen muslimischen Woman of Color und eines weissen in den USA geborenen jungen Mannes, bei der es nicht nur um die Unterschiede geht. Auch wenn Shirin zunächst befürchtet, nur das exotische Objekt der Begierde darzustellen, zeigt sich bald, dass Ocean ernsthaft an ihr interessiert ist. Und auch Shirin muss Ocean erst kennen lernen, um ihre Vorurteile ihm gegenüber revidieren zu können. Doch abgesehen davon lernen die Leser_innen zwei verliebte Teenager_innen kennen und all die Unsicherheiten, die erste Liebesbeziehungen so mit sich bringen.

Ein Aspekt in diesem ansonsten tollen Buch hat mich gestört. Beim Tragen der Burka zieht Shirin die Grenze, benennt den Zwang dahinter und macht die Menschen teilweise verantwortlich für den Rassismus, der dann – so meine Interpretation – andere/gemäßigtere Muslimas trifft: „Nur Monster zwangen Mädchen und Frauen dazu, wie menschliche Kartoffelsäcke herumzulaufen […] und […] hatten es geschafft, das gesellschaftliche Klima für uns alle zu bestimmen.“ Eigentlich hätte sich diese sonst so reflektierte junge Frau Gedanken darüber machen können, dass sich Gewalt gegen Frauen in verschiedenen kulturellen Hintergründen verschieden äußert und welche Struktur dahinter steckt.

Abgesehen davon empfehle ich dieses Buch uneingeschränkt. Es ist politisch, unterhaltsam und abwechslungsreich, es regt zum Nachdenken an und bietet mit Shirin ganz klar eine tolle Identifikationsfigur für junge – keinwegs nur kopftuchtragende – Frauen.

Tahereh Mafi: Wie du mich siehst (Fischer Sauerländer)

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