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Kinder mit Stern: Ein wichtiges Buch gegen das Vergessen

Ein weiteres Kinder- und Jugendbuch über den – dieses hier geeignet ab ca. 10 Jahren. Eventuell kann das Buch auch für Jüngere spannend sein, wenn z.B. ein starker Wunsch vorhanden ist, sich mehr mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Sorgsam begleitet gehört die Lektüre auf jeden Fall, um Fragen zu beantworten und geschichtliche Hintergrundinfos anbieten zu können. Und um aufkeimende Emotionen wie Angst, Unverständnis und Zweifel am Zustand der Welt aufzufangen, die dieses Buch bei mir als Kind vermutlich ausgelöst hätten.

Kinder in Westerbork

Wir lernen sechs unterschiedliche Kinder kennen: Rosa, Jules, Klaartje, Leo, Ruth und Bennie. Sie alle durchleben den aufkommenden Antisemitismus, die Verbote, die jüdischen Menschen treffen, die Gewalt auf den Straßen, die Razzien und die Deportationen nach Westerbork (Niederlanden), von wo aus die Züge weiter Richtung Osten fuhren. Die Geschichten sind in Zusammenarbeit mit dem Erinnerungszentrum Westerbork geschrieben worden. Sie beruhen auf Interviews mit ZeitzeugInnen, die als Kinder bzw. Jugendliche den Holocaust überlebt haben. Geschichten und Erinnerungen, die stellvertretend für das Schicksal von 18.000 jüdischen Kindern und hundert Sinti-Kindern stehen, deren Leben durch die Nazis allein in den Niederlanden vernichtet wurden.

Wie es begann…

Ähnlich wie bei Sternkindern, von der jüdischen Überlebenden Clara Asscher-Pinkhof bereits 1946 in den Niederlanden publiziert (das kürzlich neu aufgelegt wurde), lesen wir uns durch die Chronologie des Grauens: Wachsende Ablehnung gegen Juden und Jüdinnen, neue deutsche Gesetze, die Diskriminierung und Verboten einen legalen Rahmen geben, Ausgrenzung, Übergriffe, Arisierungen und dann der Weg nach Westerbork, ins sogenannte “polizeiliche Judendurchgangslager”, Dreh- und Angelpunkt für die Verschleppung Richtung Osten in die Konzentrations- und Vernichtungslager. Ca. 107.000 Juden und Jüdinnen wurden so über Westerbork Richtung Auschwitz, Sobibor, Bergen-Belsen und Theresienstadt deportiert. Nur ca. 5000 überlebten.

Die Züge sind ein wichtiges Thema im Buch, denn Rosa wundert sich:

Was ist das für ein Zug? Auf jeden Fall bringt er nichts, denn die Waggons sind leer. Aber was er wohl abholt? Offensichtlich sind die Waggons für Tiere. Aber die hat sie noch nirgends im Lager Westerbork gesehen.

Kindliche Perspektiven

Als wissende Erwachsene brennt angesichts solcher Zeilen das Herz, die Augen tränen, und der Spannungsbogen im Buch erscheint zynisch angesichts der Unerträglichkeit der historischen Fakten. Und doch sind es genau diese kindlichen Perspektiven, die Kindern eine Annäherung an den Holocaust ermöglichen. Durch ein sorgsames Herantasten mit Hilfe von kleinen, unspektakulären Ereignissen wird nach und nach das Ausmaß des Schreckens vermittelt. Es sind Ereignisse aus der Kinderwelt, damals wie heute im Leben von vielen Kindern präsent wie z.B. Zoobesuche, die nun nicht mehr möglich sind, weil für Juden verboten oder ein erstauntes Betrachtung der Züge, die wohl auch im Lager bei Kindern für Faszination gesorgt haben.

Nur so, auf kleinen Schritten gelingt ein Abriss, ein Ausschnitt über historische Tatsachen. Das Gesamtvolumen der Vernichtung ist Kindern wohl geballt in einem Buch nicht zumutbar. “Kinder mit Stern” schildert einfühlsam, sensibel und sehr kindgerecht sechs Schicksale, und bebildert die Erzählungen mit schönen, traurigen und verständlichen Zeichnungen, die einmal mehr die Frage aufwerfen: Wie ging es den Kindern? Was haben sie gefühlt? Wie haben sie diese Zeit verbracht? Was ging ihnen durch den Kopf? Wussten sie, dass sie sterben müssen?

Anders als bei Sternkinder erfahren die Leser_innen noch wertvolle Details über die Befreiung und die Zeit danach.

Schön ist auch, dass jedes Kapitel mit einer Zeichnung von Leo Meijer eingeleitet wird, der am 6. Oktober 1944 mit neun Jahren in Auschwitz vergast wurde. Interessant ist die Tatsache, dass die Illustrationen der niederländischen Originalausgabe nicht mit übernommen wurde. Die ästhetisch sehr ansprechenden Zeichnungen stammen von .

Eine wichtige Erinnerung, ein historisches Zeitdokument und eine ewige Mahnung an alle: Nie wieder darf so etwas wie die passieren.

Martine Letterie: Kinder mit Stern (), 11,40

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