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Nicht nur zur Bundestagswahl: Aktuelle Kinderbücher zum Thema Politik

Ein Gastbeitrag von Stefan Schmid-Heher, Hochschullehrer für Politische Bildung und Vorleser zweier Kinder in Wien.

Dass Kinderbücher über eine gute Sache sind, wird wohl kaum jemand bestreiten, der oder die diese Rezension liest. Die unterschiedlichen Gründe dafür bzw. Ansprüche an diese Bücher sind aber einen zweiten Blick wert. Nur vor diesem Hintergrund kann auch ihre Qualität beurteilt werden. Wozu braucht es also Kinderbücher über ? Kinder können lernen, was unter verstanden wird und wie im Staat und sonst wo gemacht wird. Darüber hinaus können sie lernen, dass nicht einfach wie ein Spiel mit fixen Regeln ist. macht viel mehr aus, dass Menschen sie so sehen und so machen, wie sie das wollen und können. Kinder können darüber nachdenken, warum unsere Welt so ist, wie sie ist, welche Probleme damit einhergehen und was ein gutes Leben für sie bedeutet. Das alles muss ein gutes Kinderbuch über zum Thema machen. Dazu gehören Vorstellungen von Begriffen und Konzepten aus dem Politischen. Mindestens ebenso braucht es den Anspruch, zum Nachdenken, Kritisieren und sich Einmischen anzuregen. Alle drei vorgestellten Kinderbücher reklamieren diesen Anspruch für sich. Gleich vorweg: Es gelingt in keinem Fall wirklich gut. Ein Grund dafür ist, dass Vereinfachungen nach viel mehr als bloß einfachem Grundwissen verlangen und gerade die Arbeit an Kinderbüchern zu komplexen Themen hier strenge Maßstäbe bei den Autor:innen setzt. Ein zweiter Grund ist, dass auch fundiertes Fachwissen über nicht mit Fachwissen über , also der Förderung politischer Mündigkeit, gleichzusetzen ist.

Weltpolitik einfach verstehen!

Gleich zu Beginn möchte das Buch mit unterhaltsamen und leicht zugänglichen Comics und grafisch ansprechenden Darstellungen veranschaulichen, dass Politik überall ist und uns alle angeht. Dabei wird eine große Schwäche deutlich, die sich durch das ganze Buch zieht: Erfahrungen aus dem sozialen Nahebereich, also der Gemeinschaft in der Klasse oder in der Sportmannschaft, werden direkt und unreflektiert auf die Gesellschaft übertragen. Die Unterschiede zwischen den beiden Bereichen werden dabei ignoriert. In einer Gemeinschaft kennen sich alle Beteiligten persönlich und für viele Konflikte können Kompromisse gefunden werden, die alle zufriedenstellen. Eine Gesellschaft ist stets unüberschaubar komplex und von Widersprüchen und Interessenkonflikten durchzogen. Das Leben in der Gesellschaft verlangt uns andere Kompetenzen ab als das in der Gemeinschaft. Manche Darstellungen mögen zwar besonders eingängig sein, aber das macht sie noch lange nicht gut: Wenn die Eltern das Kind gegen seinen Willen ins Bett schicken, erinnert das mitnichten „an eine absolute Monarchie, oft mit zwei Monarchen“. Die Hierarchie in der Schule hat nicht das kleinste bisschen mit dem Feudalismus gemeinsam. Auch nicht, wenn dafür dem Klassensprecher „Macht über andere Schüler“ angedichtet wird.

Das Buch ist durchzogen von solchen „Erklärungen“, die auf den ersten Blick vielleicht vielen attraktiv erscheinen mögen, auf den zweiten Blick einfach falsch oder nichtssagend sind und sich bei noch genauere Betrachtung als problematisch herausstellen.

„Politik ist ein bisschen wie Jonglieren. Jeder Ball steht für ein wichtiges Bedürfnis der Gesellschaft. Je mehr Bälle hinzukommen, umso eher fällt einer runter.“

Nein, Politik ist nicht der „schwierigste Job der Welt“ und Politiker:innen müssen bzw. wollen auch nicht „alles für alle besser machen“. Politik ist überhaupt kein „Job“ wie Arzt oder Lockführerin. Und was soll „alles für alle besser“ überhaupt heißen? Die vermeintlich harmlose Behauptung ist jedenfalls geeignet, jede Art von Politik- und Demokratieverdrossenheit zu reproduzieren. Eine einfache, aber falsche Erklärung ist schlechter als gar keine. Das gilt im konkreten Zusammenhang mit Politik insbesondere deshalb, weil nun einmal kompliziert ist und uns auch Widerspruchstoleranz – also die Fähigkeit, Unsicherheiten und gegensätzliche Perspektiven auszuhalten – abverlangt. „Weltpolitik einfach verstehen!“ bietet viel zu viele Informationen, die viel zu oft in bedenklicher Weise irreführend sind.

Wie geht Politik? Spannende Antworten auf echte Kinderfragen

Dieses Buch beantwortet Fragen, die in Kooperation mit weiterführenden Schulen gesammelt wurden. Die Abfolge der einzelnen Abschnitte erscheint schlüssig: Politik, Demokratie, Europäische Union, Parteien in Deutschland, Wahl und Kinder machen Politik. Die Fragen wie „Warum heißt Deutschland Bundesrepublik mit Vornamen?“ oder „Ist Deutschland Chef von der EU?“ machen schnell deutlich, dass Deutschland im Mittelpunkt steht. Das ist nicht wegen der vielen Bezüge zum politischen System in Deutschland kritisch zu sehen, sondern weil Politik und Demokratie auf den Bereich der staatlichen Herrschaft reduziert werden. Die Gesellschaft und auch Einzelne betreffende Anforderungen der Demokratie wie Pluralismus, das Vorhandensein einer Zivilgesellschaft, Toleranz oder Solidarität kommen dabei zu kurz. Wenn nicht die Kinder, sondern bloß der Staat im Mittelpunkt steht, werden Bezüge zur Lebenswelt der Kinder zur Farce.

„Die Politik kann man sich wie eine Maschine vorstellen, die am Ende vieler Umdrehungen mit lautem Rattern eine Entscheidung ausspuckt – zum Beispiel, dass Deutschland längere Ferien braucht.“

In den Kinderfragen manifestiert sich – wenig überraschend – ein staats- und regierungszentrierter Politikbegriff, den die Antworten auch bestärken: Politiker sind einfach die Leute, die die Gesetze machen. Problematisch für die Demokratie wird es, wenn die Menschen diese „nicht mehr so wichtig finden“, weil sie „schon immer in einer Demokratie leben und deshalb über alles meckern, was schiefläuft.“ „Extreme Parteien“ zeichnen sich dadurch aus, dass „immer gegen die Regierung sind“ und „einfache Antworten auf ganz schwierige Fragen geben.“ Politische Inhalte und damit zusammenhängende Interessen und Konflikte kommen praktisch nicht vor. Vor diesem Hintergrund ist auch die abenteuerlich abstruse Antwort auf eine eigentlich kluge Frage zu verstehen. „Warum gibt es nicht überall Demokratie?“ Erstens müssen dafür „alle“ in einer Demokratie leben wollen und zweitens „braucht es dafür auch noch ziemlich viel Geld. Das wird benötigt, um gerechte Wahlen zu organisieren. All die Stimmzettel müssen ja gedruckt werden.“ Aber auch mit dem Rechtsstaat nimmt es die Autorin nicht ganz so genau, wenn sie behauptet, der deutsche Bundespräsident könne ein Gesetz einfach verhindern, falls er dagegen ist. Eigentlich vielversprechend wirkt das letzte Kapitel „Kinder machen Politik“. Zwei Seiten widmen sich tatsächlich Möglichkeiten zur politischen von Kindern. Weitere zwei Seiten geben Informationen und Tipps für die Laufbahn als Berufspolitiker:in. Etwas verloren wirkt die abschließende Aufzählung von rund 50 zusammengewürfelten politischen Forderungen. Unter den gut gemeinten Vorschlägen kommt „öfter die Schultoiletten säubern lassen“ ebenso vor wie „Waffenlieferungen an andere Länder stoppen“ oder „die Bundeswehr besser ausstatten“ vor. Das, was diese Forderungen eigentlich erst interessant machen könnte, nämlich unterschiedliche Perspektiven und Interessen sowie damit einhergehende Konflikte, müssen sich die Leser:innen aber auch an dieser Stelle selbst erschließen.

Politik – 100 Begriffe aus Politik und Gesellschaft in 100 Wörtern erklärt

Die 100 Begriffe sind den Kategorien Staat, Staatsbürger, Ideen, Ökonomie und Medien zugeordnet und ihre Auswahl ist durchaus vielschichtig und ansprechend. Sie reicht von Anarchie bis Rassismus und von Wahlkreis bis Gesellschaftsklasse. Der Erläuterungen der häufig auch strittigen Begriffe gelingt im selbst gesetzten Rahmen von jeweils 100 Wörtern teils überraschend gut. So enthält die Erklärung von Populismus ebenso formale Aspekte (Anspruch der Populist:innen, die Interessen der breiten Mehrheit zu vertreten) wie inhaltliche Populismus-Kritik, die sich für demokratische Grundhaltungen und gegen die Konstruktion von Feindbildern positioniert. Die sicherlich für viele Erwachsenen herausfordernde Erläuterung der politischen Konzepte „Links“ und „Rechts“ ist anders als in den oben rezensierten Büchern zumindest so gut, dass sie zur weiteren Auseinandersetzung einlädt.

„Heute nutzen wir den Begriff der Politik, um zu beschreiben, wie und durch wen in größeren Gruppen Entscheidungen getroffen werden, wie wir unser Zusammenleben gestalten und wie Menschen Macht erlangen – beispielsweise, indem sie für ihre eigenen Ideen werben, oder durch Wahlen.“

Erklärungen wie diese zum Begriff Politik bieten erste Anknüpfungspunkte für interessierte Kinder zum Einstieg in die bewusste Auseinandersetzung mit dem Politischen. Sollten die Kinder von sich aus kein Interesse mitbringen oder Erwachsene dieses nicht wecken können, haben die Begriffserklärungen allerdings auch nicht besonders viel zu bieten. Im Mittelpunkt steht auch hier oft die formale Dimension von Politik. So heißt es zum Beispiel zu Rassismus, dass früher viele Länder rassistisch waren und „einzelne Gruppen von Menschen per Gesetz schlechter behandelt“ haben. Heute sei hingegen in demokratischen Gesellschaften „per Gesetz“ sichergestellt, „dass niemand aufgrund rassistischer Verhaltensweisen benachteiligt wird“. Kritische Perspektiven auf Politik und Gesellschaft finden in den 100 Wörtern pro Begriff teils zu wenig Platz. Anders lässt sich die pauschale Feststellung, dass auf politische Kommentatoren renommierter Medien „hierzulande aber Verlass“ ist, nicht erklären. Das Buch hält, was der Titel verspricht. Fairerweise muss man dazu sagen, dass das auch nicht allzu viel ist. Denn die Zusammenhänge müssen erst hergestellt und kritische Fragen formuliert werden.

Alle drei Bücher hinterlassen insgesamt den Eindruck, Politik wäre ein Sachgebiet wie Dinosaurier: Kinder können sich dafür interessieren, Spaß daran haben und gefördert werden. Anstelle der Dinosaurier könnten aber auch Pferde oder Eisenbahnen diesen Zweck erfüllen. Kinderbücher über Politik sollten stattdessen vor allem eines kindgerecht aufzeigen: Die Frage, wie Menschen zusammenleben wollen, ist viel zu wichtig, um sie Spezialist:innen zu überlassen. Alle Menschen, auch Kinder, sollen sich hier einmischen. Gerade deshalb ist bedauernswert, dass keines der drei Bücher es für angebracht hält, durch geschlechtergerechte Sprache einen Beitrag zur immer noch ausstehenden Selbstverständlichkeit von Geschlechtergerechtigkeit zu leisten – immerhin seit über 100 Jahren ein politisches Schlüsselproblem. Wer auch nach 16 Jahren Angela Merkel schreibt „Wohnt der Kanzler in einer Villa?“ (Wie geht Politik?), entscheidet sich dagegen, Geschlechterstereotype mittels bewusst gewählter Sprache aufzubrechen. Gerade diese Stereotype prägen nicht nur das politische System, sondern auch Kinderzimmer und -bücher. Deshalb ist die Entscheidung gegen eine geschlechtergerechte Sprache exemplarisch dafür, was die besprochenen Bücher nicht bzw. viel zu wenig leisten: einen (kindergerechten) Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung mit der Welt in der wir leben.

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