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Frauenleben im Lauf der Zeit


Das Vorhaben klingt vielversprechend und groß (und vielleicht zum Scheitern verurteilt?): die verschiedenen historischen Epochen mit exklusivem Sicht auf die Rolle der Frau erzählen, um so aufzuzeigen, wie viel im Laufe der Zeit leisteten und schufen.

HERstory statt History

Die Problematik ist mittlerweile eine grundsätzlich bekannte. Unsere Geschichtserzählung ist sehr verzerrt, sie ist mit einem so genannten Bias belegt

Die Leben vieler Personen (Arme, Sklav*innen, Frauen, Kranke, …) waren es oft nicht wert erzählt und festgehalten zu werden. Entweder weil ihr Leben auch zur jeweiligen Zeit im Verborgenen, also im Haushalt, bei niedriger Arbeit oder etwa auf der Straße stattfand und sie in der Gesellschaft nicht existierten, oder weil sie rückblickend nicht relevant erschienen und es auch zu wenig Quellen über sie und ihr Leben gibt. Ein weiterer Faktor ist, wer niederschreibt und erzählt. Die klassische Geschichtserzählung, wie sie auch in Schulen stattfindet, ist meist sehr eurozentristisch und in Schulbüchern stecken noch immer jede Menge Zeugnisse eines nie vollständig aufgearbeiteten kolonialistischen Blick auf “die Anderen”. (Man braucht hier nur an immer noch verwendete Fremdbezeichnungen für Völker und Stämme denken.)

Das Vorhaben des Buches

Das Buch kann infolgedessen als ein Versuch verstanden werden, zumindest eine dieser unsichtbar gemachten Gruppen in den Fokus zu rücken. Die, der Frauen.

“Frauenleben im Lauf der Zeit” der Autorin Katarzyna Radziwiłł, gemeinsam mit der Illustratorin Joanna Czaplewska, erschien 2019 auf Polnisch und wurde 2021 im schweizer Verlag Helvetiq in der deutschen Übersetzung veröffentlicht.

Die deutsche Übersetzung hat ein Vorwort von Micheline Calmy-Rey (Bundespräsidentin der schweizerischen Eidgenossenschaft 2007 & 2011) bei dem man sich mit ersten konkreten Fragen konfrontiert sieht. So werden einige Fakten genannt, wie etwa, dass “Frauen […] in der Politik unterrepräsentiert, aber auch dreimal häufig Opfer häuslicher Gewalt als Männer [sind]”. Auch wenn in Österreich 2021 kaum eine Woche ohne den Bericht eines Falles von Femizid oder Gewalt durch Männer an Frauen vergeht, würde man sich an dieser Stelle eine erste Quelle wünschen oder zumindest eine Angabe auf welches Land und welchen Zeitraum sich bezogen wird. Andernfalls wirkt es etwas anekdotisch. Ein Problem das einem noch öfter im Buch begegnet. 

Im Vorwort heißt es weiter “[I]ch erfuhr, welche Rolle wir früher einnahmen”. Womit sich ein weiteres Problem auftut: Wer ist dieses Wir? Wer ist die Gruppe der Frauen?

Frauen sind, damals wie heute, keine homogene Gruppe. Es gab schon immer reiche, arme, adelige, behinderte, kranke, heterosexuelle, homosexuelle, asexuelle, verheiratete, junge, ledige, …. Frauen. Mein erster Gedanke – als weiße Frau, kinderlos, Anfang 30 – war, dass schon alleine eine ehemalige Bundespräsidentin der Schweiz und ich kaum ein  “Wir” sind. Und uns eint vermutlich noch verhältnismäßig vieles. 

Ein chronologische Abriss

Das Buch selbst beginnt 1000 vor Christus und bewegt sich über die Sesshaftwerdung (1000-500 vor Christus), das alte Ägypten, das Griechenland, antikes Rom, , 19. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert. Jedem dieser Zeitabschnitte sind 2 bis 4 Seiten in Form von Doppelseiten gewidmet. Einleitend ist jeweils eine größere Illustration mit einem Text der meist das Hauptcharakteristika der jeweiligen Epoche beschreibt, oder die Rolle der Frau allgemein. Man bewegt sich also chronologisch durch die europäische Geschicht(serzählung).

Seiten mit Texthäppchen und veranschaulichenden Illustrationen zu einzelnen Themen geben jeweils Einblick in Teilbereiche des Lebens von Frauen. Manche davon wiederholen sich und so kann über die Entwicklung der Mode oder Formen der Eheschließung im Laufe der Jahre einiges gelernt und verglichen werden. Andere Themen werden nur in einzelnen Epochen erklärt.

Begriffliche Unklarheiten

Etwas das immer wieder auftaucht ist die nebulöse Bezeichnung der “Hausarbeit”. Während bis 1000 vor Christus die Menschen noch als Jäger*innen und Sammler*innen mit Zelten und Höhlen als Behausung beschrieben werden ist 1000 bis 500 vor Christus die Rede davon, dass Menschen entdeckten, wie Ackerbau funktioniert (“Wenn ein Samen oder Obstkern auf die Erde fällt, dann wächst an dieser Stelle nach einer Weile eine Pflanze. Indem die diesen Vorgang beobachteten, erfanden die Menschen die Landwirtschaft.”, Seite 6) und sie infolgedessen sesshaft wurden. Sie bauten Häuser und während sich Frauen um die Hausarbeit kümmerten, sorgten sich Männer um alles andere. 

Dass die Arbeit um das und im Haus damals noch wenig mit heutiger Hausarbeit zu tun hat erscheint naheliegend, dennoch ist die Formulierung stark vereinfacht. Und gar romantisiert. Vor allem bei einem Sachbuch für junge Leser*innen würde man sich mehr Details erwarten, um eben etwas über die Rolle und Aufgaben der Frauen zu erfahren.

Soziale Schichten

Blättert man einige Seiten weiter landet man im alten Ägypten. Einem Zeitalter in dem, so die Schilderungen im Buch, für Frauen quasi alles möglich war. Frauen hatten Berufe, sie waren Schreiberinnen, versorgten Schwangere medizinisch, waren Regierende und, so das Buch, Kapitäninnen am Nil (Seite 11). Was die Lebensqualität der Ägypterinnen auch ausgezeichnete war, dass sie nicht heiraten mussten und sich niemand in die Wahl des Ehemannes einmischte (ebd). Vergessen wird hier zu erwähnen, dass dies nicht für alle Frauen möglich war, sondern nur Frauen bestimmter sozialer Schichten. Dieses Problem wird auch deutlich, wenn die Ägypterinnen pauschal als sehr elegant beschrieben werden und dies damit begründet wird, dass sie “[a]m häufigsten […] lange Trägerkleider aus weissen Leinen [trugen]” (Seite 13) mit einem “Umhang mit Ärmeln, die mit Fransen geschmückt waren” und dazu “goldene Armketten und Ringe” (ebd). Dies konnten sich natürlich nur reiche Frauen leisten die gleichzeitig Bedienstete hatten. Jedoch ist das nicht benannt und so wird auch hier wieder ein verromantisiertes Bild reproduziert.

Man kann nun argumentieren, dass man auszugsweise aus dem Leben von Frauen erzählt und sich darauf konzentriert, was auch für junge Leser*innen interessant und inspirierend sein mag. Doch am Ende tut man damit nichts anderes, als die Mainstream-Geschichtserzählung: Das Bild, das gezeichnet wird ist stark verzerrt und große Gruppen von Frauen werden unsichtbar gemacht. (Und das was erzählt wird, wird beschönigt.)

Unbekanntes und Skurilitäten

Im Kapitel zum antiken Griechenland gibt es die vielversprechende Überschrift “Unterschiedliche Schicksale der Griechinnen” (Seite 17). Hier werden tatsächlich einige Besonderheiten erzählt, so etwa, dass es auch griechische Dichterinnen, wie Sappho, gab. Aber auch Skurrilitäten, die so wieder wenig mit der Realität zu tun haben. Der Stadtstaat Sparta wird als Fitnessclub für Frauen erzählt, wenn es heißt: “Im Stadtstaat Sparta konnten Frauen Sport treiben und nahmen an Wettkämpfen teil. […] Sie waren überzeugt, dass sportliche Frauen gesündere Kinder gebären würden. Im Stadtstaat Athen waren die Spartanerinnen beliebte Kindermädchen.” (Seite 17). 

Diese Darstellung ist so nicht haltbar. Auch in Sparta waren Frauen Mütter die männliche Krieger gebären sollten und ihre kulturelle Mutterrolle war darauf ausgelegt, sowie auch eine Heirat Pflicht war. Im Kontext des Lebens in Sparta würde man sich an dieser Stelle beispielsweise auch eine Erwähnung der großen Gruppe der Helot*innen wünschen. Rechtlose Sklav*innen, die die Stütze der lakedaimonischen Gesellschaft waren. Unter denen natürlich auch viele Frauen waren. 

Die Liebe im Mittelalter wird beinahe wie im Film “ aus Leidenschaft” erzählt (Seite 25). Etwa wenn beschrieben wird, dass es zu Duellen zwischen Rittern kam, weil die Schönheit der jeweiligen Angebeteten angezweifelt wurde. Es ist fraglich, ob dies so stattfand.

Liebe zwischen Mann und Frau war ein grosses Thema” (ebd), könnte als versteckter Hinweis darauf verstanden werden, dass Homosexualität aufgrund der christlichen Moral ein Tabu war, jedoch wird der Fokus im Buch auf das Umgarnen der schönen Frauen durch Ritter gelegt, die mitunter auch schon verheiratet sein konnten, was wiederum kein Problem war.

Tatsächlich lag das  Heiratsalter im Mittelalter um die Geschlechtsreife der jungen Frauen (also zwischen 12 und 15 teilweise) und vor allem Verbindungen zwischen Adeligen hatten vorrangig zum Ziel Nachkommen zu zeugen (Vollzug der Ehe). 

Wichtiges Kernelement mittelalterlicher Liebe war auf jeden Fall die Hohe Minne als Kunstform (im Buch erwähnt als Troubadoure). Im Buch wird erzählt, dass auch Frauen vereinzelt Troubadoure waren. Das erscheint wiederum relativ unrealistisch, Minnesang  war damit verbunden von Ort zu Ort zu ziehen, etwas das mit mittelalterlichen schwer vereinbar ist. Vermutlich ist es möglich, dass es einzelne Minnesängerinnen gab, dennoch ist die Gefahr groß, dass durch dieses unspezifische “vereinzelt” eine grobe Verzerrung passiert. 

Die Illustrationen

Was positiv hervorsticht, sind die farbenfrohen Illustrationen, die teilweise auch konkrete Details nochmals hervorheben und benennen oder einen Text anschaulich machen (wie beispielsweise die Vererbung der Vornamen im antiken Rom, Seite 19). Auch das großzügige Format des Buch lädt ein sich darin zu vertiefen. Zudem werden die Frauen bei verschiedenen Tätigkeiten abgebildet und sind aktiv Handelnde.

Resümee und Bauchschmerzen

Mein persönliches Resümee zum Buch: Ich finde es ein löbliches Vorhaben, das gut gemeint war, aber leider in der Umsetzung scheiterte. Es überwiegen dabei die Bauchschmerzen beim Versuch ein Auge zuzudrücken und großzügig Kompromisse zugunsten des sportlichen Ziels der Autorin und Illustratorin einzugehen. 

Abgesehen davon, dass Quellen fehlen (das handhabt natürliches jedes Sachbuch anders, erscheint mir aber in diesem Fall teilweise unabdingbar) sind viele Behauptungen einfach nicht haltbar. Es findet eine starke Romantisierung statt, es erzählt ausschließlich aus einer weißen kolonialistischen Perspektive (die einzigen PoC im Buch findet man als Sklav*innen und in Form einer Schreiberin  in der Darstellung des alten Ägyptens und in Form von 7 unbenannten Personen ab dem 20. Jahrhundert),  es ist eine Konzentration auf die Oberschichten ohne es zu benennen

Dass die Schichten nicht benannt werden ist vor allem deswegen problematisch, da der Eindruck entstehen kann, dass sich Frauen unabhängig einer Zugehörigkeit zwischen den Schichten bewegen konnten und so allen alle Möglichkeiten wie freie Wahl bei der Eheschließung, Beruf oder Form der Haushaltsführung offen standen. Beinahe nach einer neoliberalen Prämisse – jede kann alles erreichen, so sie denn nur will. 

Alternative Familienformen finden keinerlei Erwähnung, als Lebensform in der Gemeinschaft wird jeweils die Verbindung zwischen Frau und Mann mit Kindern benannt oder die Alternative als Priesterinnen oder in Klöstern. Ebenso wie Liebe und Heirat exklusiv als hetero Verbindung definiert wird. Natürlich war Liebe während des Mittelalters vor allem durch christliche Moralvorstellungen geprägt und Homosexualität fand weitestgehend im verborgenen statt. Während der Antike jedoch war dies noch kein Tabu. Wenn es aber Ziel ist, verborgene Frauenleben zu erzählen, so sollte auch hier Raum sein unsichtbares abseits der Norm sichtbar zu machen.

Der Status Quo der Gleichstellung?

Das Buch mündet in der Beschreibung eines 21. Jahrhunderts in dem die Gleichstellung quasi erreicht ist, da “Mutter und Vater gleich viele Urlaubstage erhalten, um sich um das Kind kümmern zu können.” (Seite 38) und “sich Väter gleich wie die Mütter bei der Kindererziehung einbringen” (ebd) und Mütter “nicht mehr die ‘schlechteren’ Angestellten [sind], die öfters nicht zur Arbeit kommen, weil sie sich um die Kinder kümmern müssen.” (ebd). 

Natürlich ist es wünschenswert, dass dies schnell erreicht wird, aber Realität ist, dass Mütter meist keine 40 Stunden bezahlt Lohnarbeit leisten, da sich unbezahlte Care Arbeit wie Haushalt, Kindererziehung, Familienorganisation zusätzlich verrichten müssen. Auch die Plätze in Vorständen sind noch lange nicht paritätisch besetzt und gleicher Lohn für gleiche Arbeit setzt voraus, dass sich Frauen für gleiche Stellen bewerben können. 

Ich schätze das Vorhaben des Buches und habe es grundsätzlich gerne angesehen und fand auch die Texthäppchen und Illustrationen ansprechend portioniert. Dennoch würde ich das Buch nicht vorlesen (wollen), denn es ist nicht mit leichten Anpassungen beim Vorlesen getan. Stattdessen ist es ratsamer auf Einzelbiografien von marginalisierten Personen (wie etwa in der “Little People Big Dreams” Serie) zurückzugreifen, Sammelbiografien (wie “Good Night Stories for Rebel Girls. 100 außergewöhnliche Frauen”, “Furchtlose Frauen, die nach den Sternen greifen: 50 Porträts faszinierender Wissenschaftlerinnen”,  den Graphic Novels “Rebellische Frauen – Women in Battle: 150 Jahre Kampf für Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit” oder “Unerschrocken 2”) oder (Bilder)Büchern die sich einzelnen Erfinderinnen, Aktivistinnen oder Frauen widmen. Natürlich sind auch all diese Bücher nicht komplett fehlerfrei, durch die Konzentration auf Teilaspekte ist es aber einfacher diese als (Vor)Leser*in zu korrigieren oder zu diskutieren.  Aus diesen einzelnen Versatzstücken kann sich wiederum ein Gesamtbild gebaut werden, in dem es auch erzählerische Lücken geben kann. Und diese Lücken können Anlass sein für neue Fragen

Anmerkung: Ich habe selber nicht Geschichte studiert und es ist auch nicht mein Spezialthema (Feminismus und die historische Entwicklung hingegen schon) und habe mir daher Einschätzungen einer Person geholt, die Geschichte unterrichtet. Vielen Dank dafür! 

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