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Spinster Girls #feministischejugendbücher

Meine Hauptkritik nimmt mir Holly Bourne selbst in einem Brief vorweg, in dem sie sich im Anschluss an den zweiten Teil der Spinster-Triologie an ihre Leser_innen wendet:

Auch nach drei Büchern über den Feminismus bleibt mir das Gefühl, dass die Spinsters und ich erst die Spitze des Eisbergs freigelegt haben, der sich Ungleichheit nennt. Ich habe zum Beispiel noch kein Wort über all die andern Arten von Diskriminierung verloren – Diskriminierung wegen der sexuellen Orientierung, wegen einer Behinderung … Ich habe weder Rassismus noch Genderidentität noch soziale Ausgrenzung behandelt.

Die Spinster-Girls sind ein Zusammenschluss aus drei (weißen Mittelschichts-)Mädchen, die sich auf einer desaströsen Party kennenlernen: Eve, Lottie und Amber. Spinster bedeutet so viel wie „alte Jungfer“ und wird von den dreien in alter Riot-Grrl-Marnier zurückerobert und neu besetzt. Die Mädchen bestärken sich gegenseitig: Spinster Girls sind stark. Sie lassen sich nicht unterkriegen. Sie sind für ihre Freundinnen da und vor allem treten sie für ihre Überzeugungen ein.

Feminismus & Mental Health

Was ist schon normal ist der erste Band und er wird aus Evies Perspektive erzählt. Das Feminismus-Thema wird darin nur gestreift, im Mittelpunkt des Romans steht ein ähnlich brennendes, über das auch erst in den letzten Jahren breiter und offener diskutiert wird: psychische Krankheiten. Nach einem Totalzusammenbruch und dem Aufenthalt in einer Psychiatrie versucht die schüchterne und unsichere Evie langsam wieder in eine Normalität zurückzufinden. Sie will feiern, Jungs küssen und mit ihren Freundinnen abhängen und vor allem will sie, dass niemand mitbekommt, dass sie mit einer Zwangsstörung lebt. Bourne schildert Evies Auseinandersetzung mit ihrer OCD durchaus unterhaltsam und dennoch eindrücklich und schafft es trotz streckenweiser Längen letztendlich doch zu fesseln.

Feminsmus & Alltag

Ein Happy End bleibt für Evie im ersten Band aus, wird dafür im zweiten nachgeholt. Der Autorin ist die Verwebung der Handlungsstränge über die Protagonistinnen hinweg sehr gut gelungen. Was ist schon typisch Mädchen spielt ungefähr ein Jahr später und wird aus der Perspektive der lauten und selbstbewussten Lottie erzählt. Evie hat ihren zweiten Aufenthalt in der Psychiatrie hinter sich, die Spinster Girls haben sich zu einer offiziellen „FemAG“ in der Schule vergrößert und diskutieren dort regelmäßig feministische Themen. Lottie reicht das nicht. Als sie eines Tages auf ihrem Schulweg von Männern belästigt wird, hat sie ein für alle Mal genug und beschließt, eine Aktion zu starten: Einen Monat lang möchte sie auf auf ihrem Vlog auf jede sexistische Situation hinweisen, mit der sie in ihrem Alltag konfrontiert wird. Ihr Plan geht auf und das Ganze wird zu einem Riesending. Lottie bekommt letztendlich nicht nur ein Aktivismus-Burnout sondern es passiert, was zwangsläufig immer passiert, wenn sich eine Frau öffentlich feministisch zu Wort meldet: Sie bekommt Vergewaltigungs- und Morddrohungen – und viel Solidarität nicht nur von den Spinster Girls. Außerdem geht es um Lotties baldiges Aufnahmegespräch für Cambridge und eine Liebesgeschichte.

Der Bechdel-Test wird in beiden Büchern mehrmals nebenbei erwähnt und natürlich bestehen sie ihn, aber zwischendurch habe ich mir immer wieder gewünscht, Jungsgeschichten würden ein bisschen weniger Platz einnehmen. Dennoch habe ich beide Bücher sehr gerne gelesen und denke, dass sie vor allem bei der Zielgruppe sehr gut ankommen. Es handelt sich definitiv um lesenswerte Jugendbücher: Die Autorin schreibt authentisch, unterhaltsam und zeitgeistig, stellt interessante und vielschichtige weibliche Persönlichkeiten in den Mittelpunkt und bekennt sich explizit zum Feminismus, aber ohne den vielgehassten Vorschlaghammer (oder zumindest nur mit einem ganz kleinen). Ich freue mich auf das Erscheinen des dritten Bandes, der vor allem von Amber, der dritten im Bunde, handelt und hoffe, dass dort die Wege von Evie und Lottie, die man nach der Lektüre bestimmt ins Herz geschlossen hat, weiter mitzuverfolgen sind.

Die Marketingstrategie rund um die Trilogie ist beeindruckend. Im Inneren des Buchumschlags gibt es Spinster-Girls-Ausweise zum Ausschneiden und der Verlag hat eine Social-Media-Kampagne gestartet (unter #ichbineinspinstergirl), die unter anderem dazu aufruft, selbst feministische Clubs zu gründen, um sich gegenseitig zu empowern. Sogar weiterführende Literaturtipps, Diskussionskärtchen und ein Glossar gibt es auf der Website. Was ich nicht verstehen kann: Warum bei der deutschen Übersetzung eines explizit feministischen Buchs, in dem es auch um sprachlichen Sexismus geht, durchwegs das generische Maskulinum verwendet wird. Das ist nicht nur inkonsequent, sondern auch unlogisch, außerdem sieht es überhaupt nicht schön aus.

Holly Bourne: Spinster Girls. Was ist schon normal? & Was ist schon typisch Mädchen?
Aus dem Englischen von Nina Frey
416 Seiten, 11 Euro, ab 14 Jahren
dtv 2018

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