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Gertrude Grenzenlos

Ich wollt eine schreiben über ein Mädchen, das seinen Freiheitsdrang entdeckt, ein Mädchen, das unfassbar mutig ist.

Auf der Suche nach starken Mädchencharakteren in Kinder- und Jugendbüchern führte kein Weg an Gertrude Grenzenlos vorbei. In ihrem Debütroman, der 2018 erschienen ist und 2019 als Taschenbuch aufgelegt wurde, portraitiert Judith Burger eine besondere Mädchenfreundschaft. 

Ich weiß nicht so recht, was sich dahinter verbirgt, hinter einer „Weltanschauung“. Es muss kompliziert sein, denn im Grunde hat jeder eine Weltanschaung – oder? Im Moment schaue ich die Straße an, habe ich dann eine Straßenanschauung? Diese Straße ist ja nur ein klitzekleines Stück von der Welt. 

Ina wächst für -Verhältnisse absolut normal auf. Gemeinsam mit ihrer alleinerziehenden Mutter, die als Chefsekretärin in einem Betrieb arbeitet, lebt sie in einer Wohnung im Neubaugebiet. Ihre Freizeit verbringt sie bei den Jungpionieren. Eines Tages kommt ein neues Mädchen in ihre Klasse, das Inas Welt auf den Kopf stellt. Gertrude ist anders als die anderen. Sie trägt Westklamotten, hat viele Geschwister mit untypischen Namen und geht in die Kirche. Ihre Mutter ist Keramikerin und ihr Vater veröffentlichte bis zu seinem Berufsverbot Gedichte – auch systemkritische. Ihre Familie hat einen Ausreiseantrag gestellt, unter anderem deswegen musste Gertrude die Schule wechseln. Doch auch von der neuen Klassenlehrerin wird sie unfair behandelt. 

Ina nie hat sie so tiefe Zuneigung und Verbundenheit zu einem anderen Menschen empfunden. Die offensichtichen Ungerechtigkeiten, mit der Gertrude konfrontiert ist, sind für Ina ist nicht akzeptabel. Gertrude geht es genauso, doch die Freundschaft der beiden Mädchen aus unterschiedlichen Welten darf in diesem System nicht existieren. Von allen Seiten werden ihnen Steine in den Weg gelegt. Sie lassen sich jedoch nicht beirren, nehmen Gegebenheiten nicht mehr als solche unhinterfragt an und kämpfen, um ihre Freundschaft gegen alle Widerstände leben zu können.

Judith Burger, selbst in der DDR aufgewachsen, hat in diese Geschichte ihre eigenen Erfahrungen einfließen lassen und gibt einen guten Einblick in den ostdeutschen Alltag der späten 70er-Jahre. Das Glossar im Anhang ist zusätzlich hilfreich und erklärt kompakt was es mit Essensgeldturnschuhen, Kapitalismus und volkseigenen Betrieben auf sich hat. Dass Gedichte aus „Die Welt ist rund“ von Gertrude Stein die beiden Mädchen durch ihre gemeinsame Zeit begleiten ist übrigens ein rein fiktionaler Erzählstrang. Das Buch wurde erst 1994 ins Deutsche übersetzt. Passend ist es allemal, denn auch auch Gertrude Stein sich über sämtliche Konventionen hinweggesetzt. Ein absolut lesenswerter Jugendroman für alle ab ungefähr 10.

Judith Burger: Gertrude Grenzenlos
240 Seiten, 8 Euro,
Oetinger 2019

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