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„Völlig meschugge?!“

„Völlig meschugge?!“ entstand nach einem Drehbuch des renommierten Kinderbuchautors (u. a. „Rico und Oskar“). Für das ZDF wurde das Drehbuch verfilmt, die sechsteilige Miniserie war im April auf KIKA zu sehen. Gleichzeitig hat die Illustratorin an der nun vorliegenden gearbeitet. 

Das Besondere an der Erzählung ist, dass es neben , Gewalt und Mobbing auch um geht. Dieses Thema, nach wie vor hochaktuell, wird in der Kinderliteratur höchstens im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus verhandelt und als etwas dargestellt, das längst nicht mehr präsent ist. 

Im Mittelpunkt der Geschichte stehen drei beste Freund_innen: Charly ist Tierschützerin und fährt am liebsten Skateboard, Benny erforscht gern Höhlen und Hamid, der 2015 aus Syrien gekommen und zu ihnen gestoßen ist, ist ein begnadeter Zeichner. Anders als in der Fernsehserie wird im Buch die Geschichte aus der Sicht von Charly erzählt. Eine weitere Perspektive bieten die Manga-Sequenzen des talentierten Zeichners Hamid (gezeichnet von David Fülecki), mit denen er seine Erlebnisse verarbeitet. 

Der Stein kommt ins Rollen, als Bennys geliebter Opa stirbt und ihm seine Kette mit Davidstern vererbt. Nach der Erkenntnis, dass Benny Jude ist, werden die Kinder in einen Strudel der Ereignisse gerissen. Steinhöfel und Garanin erzählen einen vielschichtigen Krimi, vordergründig über gestohlene Handys, in Wirklichkeit aber geht es um . Die tradierten Ressentiments, mit denen die Kinder aufgewachsen sind, werden von ihnen schonungslos und brutal reproduziert. Dabei geht es nicht nur um israelbezogenen Antisemitismus (der von Hamids Bruder befeuert wird), sondern Platz hat auch die Gruppe der Schulmobber_innen rund um den fiesen Lennart, die sich gerne mit judenfeindlichen Sprüchen profilieren oder gar vor Benny den Hitlergruß machen. 

Richtig schlecht kommen in dem Buch aber vor allem die Erwachsenen weg (ausgenommen ein Lehrer und der Imam aus Hamids Moschee). Sie sind von der Situation komplett überfordert und entziehen sich ihrer (pädagogischen) Verantwortung. Anstatt eine angemessene Lösung zu erarbeiten, rät zum Beispiel der Vertrauenslehrer Benny dazu, die Kette abzunehmen, um nicht zu provozieren. Dass Präventionsarbeit in der Schule so gut wie nicht existent ist, wird klar hervorgehoben. Diese Darstellung ist sehr nah an der Realität und zeigt auf, dass es im Hinblick auf das Thema Antisemitismus sehr viele Versäumnisse gibt. 

„Völlig meschugge?!“ ist eine außerordentlich gute Graphic Novel, die sich einem komplexen Thema ohne erhobenen Zeigefinger und ohne Angst, „etwas Falsches zu sagen“, annimmt und ein schonungsloses gesellschaftliches Porträt des Mikrokosmos Schule liefert. Antisemitismus wird, abseits von Erinnerungspolitik, als aktuelles Thema benannt – und das ist sicherlich mal ein guter Anfang. Ich empfehle diese Lektüre nicht nur Kindern ab etwa 11 Jahren, sondern dezidiert auch Erwachsenen.

Heißer Tipp: Auf der Seite des Katholischen Filmwerks können Pädagog_innen die Lizenz für die dazugehörigen Serie für schulische Zwecke bzw. im Rahmen der Jugendarbeit herunterladen. Dort gibt es außerdem Begleitmaterial.

Andreas Steinhöfel: Völlig meschugge?!
Illustriert von Melanie Garanin
288 Seiten, 21 Euro, ab 12 Jahren

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