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Ich gehör dazu! Kinderarmut in der Stadt

Mehr als 350.000 Kinder und Jugendliche leben in Österreich von und Ausgrenzung gefährdet. In Großbritannien haben mehr als vier Millionen Kinder keine ausreichende finanzielle Absicherung. 

hat Auswirkungen auf das ganze Leben: auf die körperliche und psychische Gesundheit, den Bildungsweg, die Wohnverhältnisse und die Freizeitgestaltung. Eine Kindheit in Armut erlebte auch Tom Percival, wie er im Epilog seines Bilderbuchs schreibt. Er lebte sechs Jahre lang mit seiner Familie in einem Wohnwagen. So gab es keinen Fernseher, keinen Anschluss an das Stromnetz, kein fließendes Wasser. Seine Erinnerung an die Eiskristalle frühmorgens an seinem Bettgestell bilden auch den Einstieg in „Ich gehör dazu!“. 

Die Geschichte

Wir lernen Isabell kennen, deren Bett Eisblumen säumen, wenn sie im Winter in den Tag startet. Denn ihre Familie hat nicht genug Geld um zu heizen. Auch hat sie kein Geld für Dinge, die für andere selbstverständlich sind. Isabell versucht, immer etwas Positives zu finden – die Schönheit der Eisblumen oder dass sie ihre Eltern und ihren kleinen Hund hat.

Isabells Bett säumen Eisblumen, weil ihre Familie nicht heizen kann. © Illustrationen von Tom Percival

Kein Geld für die Miete

Eines Tages reicht aber das Geld nicht mehr, um die Rechnungen für das Haus zu bezahlen und die Familie muss ans andere Ende der Stadt in ein Viertel ziehen, dem Isabell nichts Schönes abgewinnen konnte. Plötzlich fühlte sich Isabell unsichtbar, sie verblasst und wird so „so farblos wie eine Schneeflocke“. 

Als „Unsichtbare“ bemerkt Isabell, dass es auch viele andere „Unsichtbare“ gab, die auf die alleine wirkten. Eine alte Frau, die Blumen in alten Farbtöpfen pflanzt. Einen Mann, der auf das Parkbank schläft. Ein Kind, das aus seinem Heimatland fliehen musste. Isabell beschließt, zu helfen. Sie baut Blumen an, hilft Tieren, repariert Dinge. Und mit jeder Woche, in sich Isabell in ihrem Viertel engagiert, kommen mehr „Unsichtbare“ dazu und machen mit. Je mehr mitmachten, desto sichtbarer wurden sie. Nicht nur Isabell, ihr ganzes Viertel sprühte plötzlich Lebendigkeit aus. Die Geschichte endet mit: „Und so kam es, dass Isabell etwas ganz Besonderes tat. Eines der schwersten Dinge, die man tun kann… Sie hatte etwas verändert.“ 

Das Bild von Armut

Für mich sind drei Punkte an „Wir gehören dazu“ besonders bemerkenswert: 

Erstens zeigt Percival, wie sich Isabells Leben durch den armutsbedingten Umzug in eine andere Wohngegend verschlechtert. Viele andere Kinderbücher zum Thema Armut zeigen vor allem absolute Armut. Zum Beispiel in Form von Obdachlosigkeit. Percival vermittelt kindgerecht auch einen stärker relativen Armutsbegriff. Denn Armut bedeutet, nicht nur, kein Essen oder keine Wohnung zu haben. Armut ist auch, sich das Kino nicht leisten zu können oder die Wohnung nicht angemessen warm halten zu können. Armut wird im Buch in Verbindung mit gesellschaftlicher Teilhabe, dem „sichtbar“ oder „unsichtbar“ sein, gesetzt. 

Zweitens er öffnet Handlungsräume für Betroffene und regt zur Solidarität und zur Selbstorganisation an. Isabell und die anderen „Unsichtbaren“ werden sichtbar, wenn sie sich solidarisch ihr Viertel aneignen, einander unterstützen und stärken. 

Drittens thematisiert das Buch auch Ungleichheit. Dass manche viel mehr haben und deswegen andere für sie „Unsichtbar“ werden.

Abwesenheit von Politik

Die Menschen in „Ich gehör dazu“ helfen sich untereinander. Politik und karitative Organisationen kommen nicht vor. Solidarität von unten macht dieses Buch wirklich lesenswert. Und dennoch kann man sich fragen: Wieso sind die Mieten zu hoch? Wieso sind die leistbaren Viertel grau? Percival erzählt im Epilog, dass ihm der Büchereibus die Welt der Literatur geöffnet hat, seinem „Lebensquell der Literatur“. Gerade aber die Büchereien haben unter der neoliberalen Austerität gelitten: seit 2010 haben in Großbritannien alleine fast 800 Bibliotheken geschlossen. Die Mieten steigen schon lange ins Unleistbare. Gegen beides braucht es aus meiner Perspektive Bewegung, Selbstorganisierung und Politik.

Die Illustrationen, die vom Autor* selbst stammen, sind wirklich schön. Insbesondere, wenn dort, wo Solidarität die Bilder erstrahlen lässt. 

Das Buch wird ab vier Jahren empfohlen. Es ist bei ars:Edition erschienen und kostet in Österreich 15,50 Euro.

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