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Intersektionale Aufklärung: Samira und die Sache mit den Babies

In letzter Zeit sind einige grundsätzlich gute Aufklärungsbücher erschienen. Es ist bemerkbar, dass sich in diesem Bereich langsam ein Paradigmenwechsel vollzieht. Samira und die Sache mit den Babies ist nun das erste für Kinder, dass ich nun wirklich komplett und ohne wenn und aber empfehlen kann (für Jugendliche: siehe hier). Hier wird Intersektionalität auf allen Ebenen mitgedacht, es ist absolut zeitgemäß und ohne Klischees und Mythen. Das beginnt übrigens bei den mitwirkenden Menschen. Nach Texte nach Hanau ist es das zweite Buch, das in der ersten deutschen BIPoC-Verlagsgesellschaft stolzeaugen.books erschienen ist. Geschrieben wurde es von Souzan AlSabah (lest dieses tolle Interview mit ihr). Souzan ist arabisch-deutsche, Body non-conforming, queere, Sex-und Körper- positive Cis-Frau mit hetero-Privilegien, Therapeutin, Empowerment-Trainerin, Sexualpädagogin, Autorin, Mutter und Körperliebhaberin. Beruflich ist sie unter anderem im Bereich der intersektionalen Gesundheits- und Präventionsarbeit tätig. Wer wissen will, worum bei dabei so ungefähr geht, dem sei ihr Youtube-Kanal Chai mit Chale ShouShou ans Herz gelegt. 

Im Mittelpunkt des liebevoll und leicht erzählten Buchs steht die sechsjährige Samira, die gemeinsam mit ihren Eltern und ihrem viereinhalbjährigen Bruder lebt und bald ein Geschwisterchen erwartet. Samira und die Sache mit den Babies verbindet Wissen rund um Schwangerschaft und Geburt mit Grundlegendem zum eigenen Körper und stellt hierbei binäre Denkmuster, patriarchale Mythen und gewaltvolle Bezeichnungen in Frage. So antwortet die Mutter zum Beispiel auf die Frage, ob das Baby ein Junge oder ein Mädchen ist „Es ist jetzt schon geliebt, bald auf der Welt und wird ganz sicher ein süßes Kind“, Genitalien werden grundsätzlich nicht automatisch einem Geschlecht zugeordnet, außerdem wird ergänzt: „Alle Genitalien sind einzigartig und sehen unterschiedlich aus“. Spannend ist, dass AlSabah auf den Begriff Vulvina zurückgreift, der von der Sexualpädagogin EllaBerlin entwickelt und konzeptionell umgesetzt wurde:

„Es erinnert an die Kombination aus Vulva und Vagina, verzichtet aber auf die diskriminierenden und einschränkenden Aspekte des Wortes Vagina (auf Deutsch: Scheide). Worte schaffen Wirklichkeit, wir können nur fühlen, was wir auch denken können, und Worte unterstützen das Denken sehr. zu denken und zu fühlen eröffnet eine Möglichkeit für einen neuen und selbstbestimmten Kontakt zum eigenen Körper, zum eigenen Genital, zur eigenen Sexualität und zu eigenen Grenzen und Möglichkeiten. Es ist nur ein Wort, und es birgt eine große Chance.“ 

Großartig ist auch, dass wichtige Themen Platz haben, die sonst in Aufklärungsbüchern nicht vorkommen zB Beispiel Vorhautbescheidung oder Selbstbestimmung („Du bist Chef:in von Deinem Körper und Du spürst ganz genau ob eine Berührung ok ist oder nicht, verlass Dich da auf Dich selbst.“). Liebenswürdig sind die kleinen Details, wie zum Beispiel die am Weg in den Kindergarten nach Second Hand Babykleidung stöbernde Mama. Die Illustrationen von Özlem Sakalkesen sind superschön und machen dieses einzigartige Buch zu einem herausragendem Gesamtwerk, dass in keiner Aufklärungsbuchsauswahl fehlen sollte. Feministische für mit viel Gefühl und Herz und für alle!

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