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Feministisch aufgeklärt

Der folgende Artikel ist in leicht veränderter und gekürzter Fassung im aktuellen Newsletter des Stichwort – Archiv der Frauen- und Lesbenbewegung erschienen.

Vielen Eltern und andere Bezugspersonen stellen sich die Frage, was Kinder schon im frühen Alter über ihren Körper wissen sollten. Diesbezüglich gibt es inzwischen einige Aufklärungsbücher, die sich für Kleinkinder und Kinder im Volksschulalter eignen, die Inhalte unterscheiden sich wesentlich.

Spätestens, wenn Kinder bekommen, wird es wahrscheinlich interessant sein, wo ein Baby herkommt und wie es entsteht. Babys interessieren sich schon von klein an für ihren eigenen Körper – dem Anspruch, damit offen und nicht schambesetzt umzugehen und auch bald Bezeichnungen für die Körperteile zu kennen sollten Aufklärungsbücher gerecht werden. Auch Gefühle zu benennen ist wichtig: Was fühlt sich gut an und was nicht? Kinder müssen wissen, dass sie sagen dürfen, wenn sich etwas nicht gut anfühlt und sie das nicht wollen. Aufklärungsbücher können also auch einen Beitrag zu Gewaltprävention leisten. In dem Text „Ganz schön intim“ – herausgegeben vom Verein Selbstlaut – ist zu lesen: „Sexualerziehung findet in jedem pädagogischen ‚Verhältnis‘ statt; ob bewusst oder unbewusst. Sexualfreundliche Erziehung […] akzeptiert Kinder in ihren unterschiedlichen sexuellen Bedürfnissen, Interessen und Ausdrucksformen. Sie vermittelt Kindern, Gefühle wahr und ernst zu nehmen und den eigenen Körper zu akzeptieren.“

Projektwoche Sexualerziehung

Lilly Axster und Christine Aebi beschreiben in ihrem Buch „DAS machen?“ eine Woche Sexualerziehung in einer vierten Klasse Volksschule. Die Kinder haben ganz unterschiedliches Vorwissen, manche sind verunsichert, andere schon sehr gut informiert. Zunächst werden Fragen gesammelt – alle Kinder können ihre Fragen auf Zettel schreiben und in eine Box werfen.

Die Projektwoche ist, anders als der Unterricht sonst, sehr frei gestaltet. Die Schüler_innen reden und fragen, wann sie wollen; es gibt eine Lesecke mit verschiedenen Büchern zum Thema; den Kindern steht frei sich zu beteiligen – wenn eines nicht über „solche Sachen“ reden will, muss es nicht. Es werden Worte für verschiedene Körperteile gesammelt. Über Hautfarbe gerätselt und was das eigentlich heißt. Es wird über Homo-, Hetero-, Bi-, Trans- und Intersexualität gesprochen – manche wissen schon gut Bescheid.

„DAS machen?“ spricht sehr unterschiedliche Fragen an und bietet – obwohl es mit seinen ca. 50 Seiten kein sehr umfangreiches Buch ist – viele sinnvolle Ansätze, mit Kindern im Volksschulalter über Sexualität zu sprechen. Es wird auf die Gefühle der Kinder geachtet, es werden Grenzen gezogen (über ihre eigene Sexualität spricht die Lehrerin nicht mit den Kindern und bietet dafür auch eine nachvollziehbare Erklärung), es können ohne Angst oder Scham Fragen gestellt werden, die Vielfalt von Menschen und deren Sexualität wird angesprochen.

Themenvielfalt

Sehr umfangreich informiert das Buch „Total normal“ – geeignet ab etwa 8 Jahren zum Vor- oder Selberlesen – über Körper und Sexualität. Im ersten Teil „Was ist ?“ geht es darum, was Geschlechtsverkehr ist, was Sexualität ausmacht, wie Fortpflanzungsorgane funktionieren, welche unterschiedlichen Formen von Sexualität und Geschlechtlichkeit es gibt oder welche Gefühle möglich sind. Es wird hervorgehoben, dass es egal ist, wie und wen Menschen lieben: „Und man sollte daran denken, dass die alltäglichen Bedürfnisse […] sich kaum unterscheiden, egal, ob jemand heterosexuell, homosexuell, bisexuell, Transgender, transsexuell, intersexuell oder queer ist“. In Teil 2 wird beschrieben wie sich Körper unterscheiden, dass jeder Körper speziell ist, welche Ausdrücke es für Körperteile und gibt und dass es wichtig ist, die Gefühle andere Menschen zu respektieren, wenn sie beispielsweise nicht über Sexualität sprechen oder bestimmte Wörter hören möchten. Im dritten Teil befassen sich die Autor_innen mit den Veränderungen des Körpers in der Pubertät in allen seinen Facetten, auch über die neuen Gefühle, die in dieser Zeit auftreten und manchmal „Achterbahn fahren“. Im vierten Teil werden verschiedene Familienformen vorgestellt. Familien mit Hetero-Eltern, lesbischen oder schwulen Eltern, Familien, deren Kinder adoptiert wurden, sehr junge Eltern und wer noch aller zur Familie gehören kann. Es geht darum wie ein Kind entsteht („Die Zelle: Gene und Chromosomen“) und wie es sich anfühlen kann sich körperlich nah zu sein. Außerdem wird erklärt, wann ein Mädchen schwanger werden kann, welche Arten von es gibt, wie Krankheiten übertragen werden und wie Menschen sich davor schützen können. Überdies wird der Verlauf einer und der beschrieben. Hier wird auch erklärt, dass es theoretisch die Möglichkeit der Invitro-Fertilisation oder einer Leihmutterschaft gibt. Im Teil 5 geht es um die Entscheidung für oder gegen Geschlechtsverkehr und für oder gegen Schwangerschaft. Es werden viele unterschiedliche Methoden der Verhütung vorgestellt. Im letzten Kapitel geht es um Abtreibung, welche Formen es gibt und wie die gesetzliche Lage (in Deutschland) aussieht.

Der letzte Teil befasst sich mit der Frage von Gesundheit. Es geht um Informationen aus dem Internet (seriös oder nicht?) und auch um die Gefahren des Netzes, zb. im Umgang mit persönlichen Daten Fremden gegenüber. Es wird erklärt, was sexueller Missbrauch ist, dass Kinder sich dagegen wehren dürfen und mit wem Kinder beispielsweise sprechen können. Die letzten drei Kapitel des Teil beschäftigen sich mit Krankheiten, Kontrolluntersuchung und der Verantwortung dem eigenen Körper gegenüber.

„Total normal“ ist sehr umfangreich, nicht nur was die Themen betrifft, sondern auch die Textmenge. Es kann über die Jahre immer wieder herangezogen werden – sobald sich das Kind für ein Thema interessiert, kann es wieder nachlesen. Das Buch ist jedenfalls über einen längeren Zeitraum nutzbar. Aus feministischer Sicht ist beinahe alles drin, was in ein umfassendes Aufklärungsbuch hinein gehört: Verschiedene Körper und Sexualitäten/ sexuelle Orientierungen, Gefühle, Sprache und respektvoller Umgang miteinander. Das einzige Manko ist die Abhandlung der Geburt mithilfe einer Hebamme in einem kurzen Absatz und die fehlende Erwähnung von Kritik am Gesundheitssystem in Bezug auf Gebären. Die Arbeit von Hebammen und die Möglichkeit einer oder einer Geburt im Geburtshaus sowie die Bedürfnisse von Frauen nach der Geburt wären wichtige Themen, die ausführlicher beschrieben gehörten. Ebenso die Frage der Selbstbestimmung über den eigenen Körper der Schwangeren während der Geburt.

Zu Hause geboren

Ein Buch, das sich speziell mit der Hausgeburt und der Arbeit von Hebammen auseinandersetzt, ist „Fisch und Schokolade“ von Irene Meyer, Dagmar Struck und Betti Wille. Die siebenjährige Lea erzählt die Geschichte der Geburt ihres kleinen Bruders Max. Max kommt mit Unterstützung einer Hebamme zu Hause zu Welt, Lea ist während der Geburt dabei. Leas Papa erklärt ihr auf ihr Nachfragen hin, was Sex eigentlich ist und wie Kinder entstehen. Er beschreibt auch Verhütung mithilfe von Kondomen. Dass es Alleinerzieherinnen gibt, erfährt Lea (und erfahren damit auch die Leser_innen), weil die Nachbarin Ingrid ein Baby bekommt, aber „keinen Mann hat“. Ingrid wird von Leas Eltern unterstützt – Leas Vater fährt sie ins Krankenhaus, während des Wochenbetts wird in Leas Familie für Ingrid mitgekocht. Die Hebamme Paula kommt regelmäßig, um Leas Mama zu untersuchen – so lernt Lea einiges über Schwangerschaft, Geburt und die Arbeit von Hebammen.

„Fisch und Schokolade“ ist zwar auf die Hausgeburt speazialisiert, aber es werden viele wichtige Themen angeschnitten, die nicht nur auf Hausgeburten bezogen sind: Die Eifersucht des älteren Geschwisters, wenn plötzlich ein Kleineres da ist (Leas beste Freundin ist von ihrem kleinen Bruder nicht so begeistert), mögliche Komplikationen bei der Geburt und die Angst des Kindes um die Mutter oder die Bedürfnisse junger Mütter im Wochenbett. Schade, dass nur Hetero-Paare vorkommen.

Treffen sich ein Ei und ein Spermium …

Eher minimalistisch im Text, aber sehr farbenfroh erklärt „Wie entsteht ein Baby?“ von Cory Silverberg und Fiona Smyth Schwangerschaft und Geburt. Es wird auf jegliches geschlechtsspezifisches Pronomen verzichtet und es wird lediglich die Entstehung des Babys im Bauch beschrieben. Warum sich Ei und Spermium im Bauch überhaupt treffen können, wird ausgelassen. Der Pluspunkt ist, dass vielfältige Familienformen dargestellt sind und Menschen jeden Geschlechts oder sexueller Orientierung inkludiert werden, es bleiben aber doch zu viele Fragen offen, um das Buch als einziges Aufklärungsbuch zu verwenden. Es stellt aber in jedem Fall eine gute Ergänzung da, die zeigt, es gibt nicht nur Männer und Frauen und heterosexuelle Paare. Mehr dazu hier.

Gute Mischung

Je nach Schwerpunktsetzung sind die vorliegende Aufklärungsbücher für Kinder im Volksschulalter gut geeignet. Eine Kombination mehrerer und natürlich die Bereitschaft über das Gelesene und Gesehene offen zu sprechen oder auch gemeinsames Lesen ist wahrscheinlich die sinnvollste Variante, einem Kind das Thema Sexualität nahezubringen, sobald es bereit dazu ist.

Axster, Lilly/Aebi, Christine: DAS machen? Projektwoche Sexualerziehung in der Klasse 4c. Wien: de’A, 2014, 56 Seiten, 24,50. Ab ca. 9 Jahren.

Harris, Robbie H./Emberley, Michael: Total normal – Was du schon immer über Sex wissen wolltest. Weinheim: Beltz & Gelberg, 2017, 110 Seiten, 15,40. Ab ca. 8 Jahren.

Meyer, Irene/Struck, Dagmar/Wille, Betti. Mit Illustrationen von Jacky Gleich: Fisch und Schokolade. Eine Sachgeschichte von Hebammen über Schwangerschaft, Geburt, Familie, Freundschaft und natürlich Lea. Hannover: Elwin Staude Verlag, 2006, 71 Seiten, 20,60. Ab ca. 6 Jahren.

Silverberg, Cory/Smyth, Fiona: Wie entsteht ein Baby? Ein Buch für jede Art von Familie und jede Art von Kind. Frankfurt/Main: Mabuse Verlag, 2018, 39 Seiten, 17,40. Ab ca. 4 Jahren.

Selbstlaut: Ganz schön intim. Sexualerziehung für 6 – 12 Jährige. Unterrichtsmaterialien zum Download. 2017, 160 Seiten.

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