“Kiki”

KikiAntje, neun Jahre alt, zieht um, von der Stadt aufs Land. Zuerst findet sie das gar nicht komisch, aber dann lernt sie Kiki kennen. Kiki ist nicht „wie die anderen“, hat keine „normalen“ Spielsachen, sondern eine „Wechselwand“, an der ihre ganze Familie riesige selbst gemalte Bilder aushängt, und ihr Zimmer ist eigentlich eine Werkstatt mit Kisten und Kästen voller Schätze und Bastelsachen. Die beiden Mädchen erleben von da an zusammen etliche lustig zu lesende Dinge: Sie brechen zu gemeinsamen „Ausgrabungen“ auf dem Dorfacker auf, wobei sie viele Schätze finden – von ururalten Scherben über Steine aus der Steinzeit bis zu einem Fuchskopf mit Zähnen dran – , machen eine Mohrrübenklaumutprobe im kleinen Laden, malen geheime Bilder, die sie hoch oben in der Trauerweide im Garten verstecken, wo sie dann doch verschwinden,…

Jedoch, so schnell, wie die Freundschaft angefangen hat, so schnell ist sie auch wieder zu Ende, denn nach nur einem Jahr und etwa 70 Seiten stirbt Kiki nach einem Verkehrsunfall. Der Freundin bleibt neben allen Erinnerungen nur eine Graskugel, „so groß, dass sie gut in eine kleine Hand passt. Die Grashalme sind nicht mehr grün, sondern gelblich grau, vertrocknet. Im Innern der Kugel steckt etwas für mich.“ Und die Erwachsene Autorin Antje fügt im Nachwort hinzu, dass sie das Kügelchen noch immer in ihrem Schrank aufbewahrt. „Vielleicht ist gerade die Vorfreude, noch etwas von Kiki zu bekommen, so schön, dass ich es nie öffnen werde.“

Die Geschichte von Kiki ist leicht geschrieben und bleibt trotz der dramatischen Wendung bis zum Schluss witzig und vielfach auch berührend, ohne dabei jemals ins Kitschige abzurutschen. Die Illustrationen zu Beginn jedes Kapitels sind wirklich treffend und schön, und das Büchlein selbst ist gut zum Vorlesen geeignet; wir haben es an einem Abend in einer Stunde durchgelesen.

Die Autorin Antje Damm, die die Antje aus dem Buch ist, erzählt von ihrer echten Kindheitsfreundschaft mit Kiki und von weiteren Menschen, die in dieser Zeit ebenso bedeutsam waren. Gerade dieser Aspekt – dass es Kiki wirklich gegeben hat, dass die Geschichte wahr ist – fand bei meinen Kindern großen Anklang.

Hier jedoch ist, so finde ich, auch Kritik zu üben: Der Geschichte ist nämlich insgesamt doch anzumerken, dass sie mehr „nur“ eine Nacherzählung der Erlebnisse der Autorin und nicht eine literarisch in sich wirklich runde, allseitig überlegte Geschichte ist. So erscheinen manche Anekdoten zu einer weiteren Freundin, Bärbel, nicht eingebunden in den weiteren Verlauf. Auch die Beschreibung von Antjes Eltern, bzw. besonders von ihrer überzeichnet ökorrekten 68er-Mutter, mag zu dem einen oder anderen Lacher bei den Kindern führen, aber die eigentliche Erfordernis dieser Schilderung bleibt unklar. Will die Autorin nun kritisieren, dass ihre Mutter „Barbies doof findet“, dass es bei ihnen „kein Nutella gibt“, oder warum führt sie dies so markierend an? Soll es einfach witzig sein? (Bei den Kids haben die Gags funktioniert.) Die bloße Feststellung erscheint in der Summe überzeichnet, aber relativ nutzlos. Zudem spielen die kleinen Brüder von Antje, wenn sie denn angeführt werden, die ganze Zeit nur Piraten, und die erwachsenen Frauen im Buch backen ständig Kuchen. Das fanden jedenfalls meine Kinder irritierend.

Schließlich gibt es auf Seite 32 bei den alten Porzellanpuppen, die Kikis Familie sammelt, auch noch eine „winzigkleine N*..puppe“, die wohl in den 1970er-Jahren, in denen das Buch dem Alter der 1965 geborenen Autorin nach spielen muss, tatsächlich noch so genannt wurde. Die Geschichte wurde jedoch erst 2012 im Hanser Verlag veröffentlicht und vermutlich auch erst in den 2010er Jahren geschrieben, denn die Autorin erzählt die Geschichte erkennbar im Jetzt, als heutige Erwachsene. Das macht die unkritische Nutzung des Wortes, welches einfach hätte vermieden werdne können, besonders fragwürdig. Schade.

Fazit: Mit einigen „Macken“, derer man sich bewusst sein sollte, ein schönes Vorlesebuch für Kinder ab ca. 6 Jahren. Besteht den Bechdel-Test.

Antje Adam. Kiki. München, Carl Hanser Verlag: 2012.



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