eMedien: Neue Chancen für Inklusion

In der vergangenen Woche hielt ich bei der Konferenz E:Publish eine Keynote zum Themenbereich “Kinder, digitale Medien, Leseverhalten und neue Möglichkeiten für Verlage”. Meine nachstehenden Forderungen halte ich für erwähnens- und teilenswert auf buuu.ch. Eine umfassendere Zusammenfassung dieses Vortrags könnt ihr hier abrufen (pdf).

Ausbaupotenzial, so erklärte ich, sähe ich zum Beispiel hinsichtlich der Sprachen in eBook-Apps und Co.: Ein einfacher Wechsel in andere Sprachen, gegebenfalls auch eine Sprachmischung, wäre in meinen Augen gerade bei an Kinder und Familien gerichteten Angeboten eine tolle, auch im multikulturellen wie im bildungsorientierten Sinne wünschenswerte Erweiterung (z.B., dass in einer Kindergeschichte alles, was bspw. der Papa in der Hörversion sagt, auf Türkisch oder Russisch oder Französisch,… gesprochen werden kann, wenn dies nutzerseitig so eingestellt wird).
Über verstärkte europaweite bzw. internationale Zusammenarbeit ließen sich die hierdurch entstehenden zusätzlichen Kosten hierfür zwischen den Kooperierenden teilen und so abfedern. Überhaupt: Warum gibt es anscheinend noch immer so wenige ländergrenzen-überschreitende Kooperationen für gute digitale interaktive Kinderbuchangebote? Unterschiedliche Marktbedingungen scheinen mir hier als Argument gerade angesichts der Titelüberschneidungen im Bestsellerbereich nicht überzeugend – hier könnte und müsste doch mehr möglich sein?!

Weiterhin forderte ich auch – durch alle Verlagsmedien hinweg! – eine stärkere Ausdifferenzierung in der Darstellung unserer Gesellschaft. Mir ging es hier weniger um Bücher und ähnliche Medien, die Entsprechendes inhaltlich vertieft in den Fokus nehmen, wenngleich ich auch dies natürlich ausdrücklich begrüße (einige Beispiele hierfür finden sich z.B. in dieser Auswahl des Jüdischen Museums Berlin, auf welches mich eine Mitarbeiterin des Hauses freundlicherweise aufmerksam machte). Mir ging es in meiner Argumentation aber mehr um die “gewöhnlichen Bebilderungen”. Warum fehlen in Kinderbüchern und deren digitalen Entsprechungen sowohl bei den Hauptpersonen als auch sogar in den Nebenillustrationen nach wie vor nicht nur so häufig “nicht-weiße” Kinder? Oder anders formuliert, nämlich so, wie meine eigene Tochter (ich markiere dieses Zitat hier aufgrund einer entsprechenden Rückfrage nach dem Vortrag) es mich vor etwa einem Jahr fragte: “Wo gibt es eigentlich die Bücher für die Kinder mit den anderen Hautfarben?”

Ich erweiterte in meiner Keynote diese Frage und Forderung um Kinder mit körperlichen Beeinträchtigungen (Warum gibt es so gut wie nie “einfach so” Menschen mit Behinderungen in Büchern, oder wenn, dann nur mal den “am Rande” eingemalten Rollstuhl?) und andere Lebensmodelle als das klassische “Papa-Mama-Kind-Kind”-Ding und bezog mich ausdrücklich vor allem auf stärker illustrierte Buchmedien, die aufgrund des Umfangs der Bebilderung doch eine größere Auswahl zulassen müssten, sowie auf Geschichten, in denen z.B. die Hautfarbe nicht relevant ist (warum kann die Hauptperson in einem solchen Falle nicht auch “einfach mal so” eine dunklere Haut- und Haarfarbe haben?!)

Auch und besonders im interaktiven Sinne ließe sich hieraus viel machen: Warum nicht in einer App ermöglichen, dass das nutzende Kind z.B. die Haar- und Hautfarbe, die Klamotten, den Namen,… der Hauptperson der Geschichte selbst bestimmen kann? So kämen wir endlich weg von den immer noch viel zu eindimensionalen vielfach ausschließlich “hautweißen” Kinderbüchern. Bisher passiert hier meiner Meinung nach noch zu wenig – daher forderte ich ebendieses. Zur großen Freude einer Mitarbeiterin von Tigerbooks, die – bisher offensichtlich gestützt durch Oetinger, das Unternehmen will aber auch für andere Verlage offen stehen – ein ähnlich konzipiertes flexibles Modulsystem anbieten und die so entstandenen eMedien digital in einem “Online-Kinderbuchladen” vertreiben. Die im jeweiligen Titel enthaltenen Module sind logischerweise allerdings immer von dem abhängig, was der buchende Verlag nutzen will – Personenauswahl, Mehrsprachigkeit, jegliche Form von Interaktivität ist also nur ein Kann, keine Garantie, und so bleiben meine Forderungen noch vielfach “Wunschkonzert”. Technisch machbar ist das alles aber jedenfalls – und wenn (btw. nicht nur) dieses Unternehmen nun auch über den iTunes AppStore hinausgucken würde (das sei wohl geplant), so wäre dies doch mal ein wirklich interessanter Ansatz.

Natürlich gibt es zu diesen meinen Forderungen inzwischen (zum Glück!) auch Bücher und tw. eMedien, in denen so etwas umgesetzt wird. Trotz der lobenswerten Einzelbeispiele, die mir nach meinem Vortrag von Vertretern verschiedener Verlage mit einem freundlichen “Ja, aber wir haben doch da…!” oder auch einem herberen “Recherchieren Sie gefälligst besser, das gibts doch alles schon für die, die das wollen!” genannt wurden, bleibe ich dabei: Es sind noch viel zu wenige, hier besteht Ausbaubedarf! Und, auch hier wiederhole ich mich aufgrund der Bedeutung des Themas gerne und mit Nachdruck, besonders im digitalen Bereich wäre es bei entsprechender Motivation möglich, MEHR zu machen, WEITER zu gehen.

Gerade der digitale Raum könnte leichter ermöglichen, mit alteingeübten Gewohnheiten und Traditionen des deutschen Marktes zu brechen und integrativ zu wirken, ohne den “deutschen Mainstream” dabei auszuschließen. Die genannte grafische und/oder auch sprachliche Flexibilisierung stehen hier nur beispielhaft, es gäbe so viel mehr Ideen. Schon in meinem Kopf schwirren schon so viele mehr, und ich bin damit ja keinesfalls allein.



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