Author: manubloggt

Reale Fiktion, fiktionale Realität: Königin des Sprungturms von Martina Wildner

Reale Fiktion, fiktionale Realität: Königin des Sprungturms von Martina Wildner

Ich habe nun fast vier Monate darüber nachgedacht, wie ich diese Rezension angehen soll – und ich glaube, in diesem Fall muss ich einsteigen mit einem vorangestellten tl;dr: Ein sprachlich-stilistisch toll gearbeitetes, inhaltlich fesselndes und noch dazu extrem authentisches Buch. Es geht hier nicht um […]

Revolution an der Bushaltestelle

Revolution an der Bushaltestelle

Eine Bushaltestelle. An dieser eine Oma mit Einkaufstasche, ein miesmutig dreinblickender, konservativ gekleideter älterer Herr, ein Erwachsener in Sportjacke (so ein „Altersloser Nicht-Mehr-Jugendlicher“ zwischen 25 und 40) und zwei Halbwüchsige, sie mit großem A aufm Pulli, er mit zweifarbigem Halstuch. Die Teenies unterhalten sich, er […]

Pixelklötzchen nur für Jungs?! – enttäuschende Minecraft-Bücher

Pixelklötzchen nur für Jungs?! – enttäuschende Minecraft-Bücher

allesueberminecraftDas Indie-Spiel Minecraft ist im Höhenflug, gönnenswerterweise. Im Höhenflug kommt zum ursprünglichen Produkt immer auch ‘ne Menge Merchandisingkram dazu, bekanntlich auch Bücher. Diese verkaufen sich bei einem Höhenflugprodukt ebenso offensichtlich quasi blind – Eltern, Omas, Opas, Tanten, Onkel kaufen die Titel, völlig ahnungslos. Schön für die herausbringenden Verlage, die sich mit diesen sicheren Bestsellern absichern können (” Im Kinder-Sachbuch-Ranking gibt es gegenüber dem März keine Veränderungen auf den ersten beiden Plätzen: Nummer 1 ist und bleibt Alles über Minecraft gefolgt von Minecraft, Das Einsteiger-Handbuch”).
Schöner wäre, wenn diese dann trotz dieser Blindflug-Garantie einen gewissen Anspruch an ihren Buchtitel hätten. Bei den zwei vom Verlag Schneiderbuch herausgebrachten Minecraft-Büchern, die ich hier besprechen werde, ist dies meiner Meinung nach überhaupt nicht der Fall: Die beiden der Webseite des Verlags nach aktuellen Hauptwerbeträger der Produktgruppe habe ich mir im Laden ausgiebiger angesehen – und dann wirklich verärgert ins Regal zurückgestellt:

Minecraft, das Einsteiger-Handbuch
und Alles über Minecraft (hinterm Link sowie hinterm Bild jeweils als vom Verlag auf dessen Seiten veröffentlichte, digitale Leseprobe einsehbar).

minecrafthandbuchBestseller hin oder her: Beide sind, um es mal vorweg zu nehmen, meiner Meinung nach leider(!!!) kritikwürdiger Nepp im Vergleich zum Spiel, wenngleich das Einsteiger-Handbuch immerhin deutlich mehr zu bieten hat. Absolut desaströs finde ich „Alles über Minecraft“. Das mit Hardcover verlockend aufgemachte, nicht ganz A4-große Buch glänzt nur auf dem lockenden Titel – inhaltlich macht es bei genauerer Betrachtung wenig her: Vergleichsweise wenige Informationen mit großen Setzlücken dazwischen (wer Minecraft schon mal gespielt hat, weiß nach spätestens 20 Minuten ne Menge von dem, was im Buch beschrieben wird, einfach durchs Austesten automatisch); diverse Leerinhaltsseiten, die angeblich „zum kreativen Kritzeln“ anregen sollen, und riesige Szenenabdrucke, die auf mich wirken wie „Wir Buchmacher sind schlau, setzen hier ohne Aufwand ne leere Kritzelseite/Riesenbildseite rein und lassen uns die für nen Zehner bezahlen, har har!“
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Kind, welches schon Minecraft spielt, von dem Buch länger als 20 Minuten durchblätternd etwas hat – und Kinder, die das Spiel nicht kennen, täten besser daran, einfach 20 Minuten in die kreative Spielumgebung von Minecraft einzutauchen und die paar spielbezogenen Infos selbst herauszufinden, statt sich mit diesem Informationshäppchenpseudophantasiedings abzugeben. Die relativ großen Buchstaben lassen sich bei Sätzen wie „Seitdem wuchs die Firma beständig, doch nicht ohne sich stets darum zu bemühen, den Indie-Game-Ethos beizubehalten und Kreativität zu fördern“ auch nicht mit Niederschwelligkeit für Leseanfänger begründen – in meinen Augen ging es hier leider vor allem darum, mit vergleichsweise wenig Inhalt viel Platz zu füllen. Scheint ja zu funktionieren, chapeau schöne Konsumwelt.

Das Einsteiger-Handbuch ist vom Informationsumfang her besser, hat mehr Seiten, kleinere Schrift, behandelt Themen durchaus etwas vertiefender und ist mit den angebotenen Infos damit auf jeden Fall interessanter (sichtbar allein schon beim Vergleich der Inhaltsverzeichnisse,d ie ihr oben in den Leseproben mit sehen könnt – die Bücher haben denselben Preis!). Dennoch, und dies gilt für beide Bücher und ist mein Haupt-Kritikpunkt, passiert hier aus meiner Sicht etwas ganz Fatales:

Minecraft ist als Computerspiel ja gerade deshalb so interessant, weil es neue Phantasieräume eröffnet. So beschreibt es die Entwicklerfirma Mojang zusammenfassend auch auf der eigenen Webseite:
“Minecraft is a sandbox construction game where you can build anything you can imagine. It also has scary monsters, like creepers who tend to want to destroy what you have built.”

Wie ich auf der republica kurz ansprach, ist es also nicht vordergründig oder ausschließlich ein Abenteuerspiel, sondern vor allem erst einmal quasi wie Legospielen ohne physikalische Gesetzmäßigkeiten. Es lässt sich kollaborativ oder gegeneinander spielen. Es lässt sich in verschiedenen Modi allein, gemeinsam, mit und ohne MOnster und Abenteuerfaktor benutzen. Zudem ist für die Spielenden der Anreiz ziemlich hoch, über die vorgegebenen Möglichkeiten hin selbst konkret gestalterisch tätig zu werden, sprich: eigene Ideen bald auch programmierseitig umzusetzen. Minecraft bietet damit neben allem Spaß nicht zuletzt einen großartigen niederschwelligen Einstieg in die Programmierwelt – für ALLE Kinder.

minecraft_01Die beiden hier vorgestellten Bücher jedoch tun das nicht: Fangen wir schon einmal damit an, dass der Verlag sie ausdrücklich in die Kategorie „Für Jungs“ einsortiert (siehe Ausschnitt Screenshot, anklickbar zum Großmachen; Original hier). Und das zieht sich durch: In beiden Büchern werden aus dem 32-köpfigen Team der Minecraft-Entwicklungsfirma MOJANG diverse Männer, aber genau null Frauen vorgestellt – ist das wirklich die Unternehmensrealität? Und selbst, falls ja (auf der Mojang-Seite sind im – nicht komplett abgebildeten – Team immerhin zwei Frauen aufgelistet, für Skandinavien wohl eher eine schlechte “Ausbeute”): Soll das für die Zukunft so zementiert bleiben, indem man(n) der nachfolgenden Generation dieselben Klischees vermittelt, mit denen vorherige Generationen aufgewachsen sind? Ich kann mir eine solche Herangehensweise für ein derart offenes Projekt einfach nicht vorstellen und bin schockiert von dieser druckseitigen Darstellung.
Diese zieht sich aber auch inhaltlich-sprachlich durch: In kurzen, „spannungsgeladen-durchschaubaren“ Sätzen werden quasi ausschließlich die Aspekte „Action, Abenteuer, Gefahr“ betont („Grabe!, baue!, überlebe! – mit möglichst tiefer Stimme, theatralischer Musik und Klötzchenblut im aufwendig prodizierten Trailer zum Buch, welches in diesem viel dicker und interaktiver wirkt, als es natürlich ist). Das reduziert nicht nur Minecraft auf ein tumbes Abenteuerspiel wie viele andere, sondern entspricht auch den seit einigen Jahren u.a. auch von Lego (re?-)produzierten Klischees dessen, was die erkorene Zielgruppe „Jungs“ angeblich gerne mag und/oder gefälligst zu mögen hat. Wer hier Henne und wer Ei ist, sprengt den Rahmen (- es sei hier nur am Rande erwähnt, dass nicht alle Jungs Minecraft gerne im Überlebensmodus spielen!).

Ich meinem Umfeld spielen jedenfalls auch etliche Mädchen Minecraft. Ich wünsche ausdrücklich, dass das so bleiben darf. Die Klischeeproduktionsmaschine „Minecraft = Jungsspiel“ scheint aber (nicht nur) bei Schneiderbuch gerade mächtig hochzutouren. Das finde ich nicht nur ärgerlich, sondern regelrecht desaströs. Bye bye, Selbstgebautekreativwelt-Minecraft-Gleichberechtigung für alle. Dürfen wir dann von Schneiderbuch bald ein Pamphlet mit rosa Blöckchentitel und Erklärungen, wie man sich von den Jungs Schleifchen ins Fell der Minecraft-Schafe programmieren lassen kann, erwarten? Ins Schema passen würde es jedenfalls.

eMedien: Neue Chancen für Inklusion

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In der vergangenen Woche hielt ich bei der Konferenz E:Publish eine Keynote zum Themenbereich “Kinder, digitale Medien, Leseverhalten und neue Möglichkeiten für Verlage”. Meine nachstehenden Forderungen halte ich für erwähnens- und teilenswert auf buuu.ch. Eine umfassendere Zusammenfassung dieses Vortrags könnt ihr hier abrufen (pdf). Ausbaupotenzial, […]

Mach’s selbst: Klasse DIY-Buch (nicht nur!) für Mädchen

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Es gibt so viele Dinge, die es wert sind, sie zu können: Es ist ungemein hilfreich, einen Platten am eigenen Fahrrad schnell selbst flicken zu können. Auch eine Stereoanlage zu verkabeln, ein W-Lan sicher zu machen, einen Flyer selbst zu entwerfen, schlagfertig zu kontern… all […]

Bärenstarke Anna: Leider langweilige Pseudodidaktik

Bärenstarke Anna: Leider langweilige Pseudodidaktik

annaVom Duden Verlag bekam ich als Rezensionsexemplar das neu erschienene Buch „Bärenstarke Anna“ aus deren Reihe „Lesedetektive“ zugeschickt, mit der sich der Verlag unter der Überschrift „Erste Schritte zur Leseförderung“ eigenen Angaben nach an die Altersgruppe 4-6 Jahre richten will. Die Konzeptidee ist so ähnlich wie bei den „Erst ich ein Stück, dann du“-Büchern (hier ein rezensiertes Beispiel), die aber viel komplexer sind. Zu den Lesedetektiven heißt es auf dem Buchdeckel: „Der geübte Vorleser liest längere Abschnitte, der Leseanfänger einfache lautgetreue Wörter.“

Ich bin von dem Buch nicht begeistert. Die Geschichte als solche, die aufgrund des Buchansatzes „viele Bilder, wenig und kurzer Text“ im Wort- und Buchstabenumfang beschränkt ist, kann nur sehr mäßig überzeugen: Das Mädchen Anna ist offenbar plötzlich unerklärt „bärenstark“, kann den Schrank hochheben und Türen umfallen lassen, freut sich darüber, besteht so gegen den starken Raufbold der Schule und rettet am Ende einen im Zoo in den Wassergraben gestürzten Elefanten. Dies alles in extrem vereinfachter, sehr groß gedruckter Fibelschrift: „Die Tür fällt aus dem Rahmen. UPS! Papa wundert sich“, oder zum Schuljungen: „(…)Sie hebt Timo einfach hoch auf eine große TONNE. Nun sitzt er in der SONNE.“

Angeblich berücksichtigt das Buch „den Entwicklungsstand der 4- bis 6-Jährigen“ (Buchdeckelangabe). Das mag hinsichtlich der Lesekenntnisse durchaus sein, aber inhaltlich ist die Geschichte so unglaublich dünn, dass ein einigermaßen aufmerksames Kind schon beim ersten (Vor-)Lesen das Folgewort kombinieren können und das Buch entsprechend schnell auswendig kennen dürfte, sodass das didaktische Konzept “Leseförderung” damit gestört wird. Die eingebauten Reime könnten vielleicht noch kurzfristigen Spaß bringen, darüber hinaus bieten Sprache und Handlung aber leider nichts längerfristig Interessantes, das zum Wiederlesen einladen könnte. Die 3 Minirätsel im Buch, die der Leseförderungsreihe den Titel „Lesedetektive“ geben, sind zudem so banal, dass sich Vorschulkinder davon veralbert vorkommen dürften.

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Den Bechdel-Test besteht das Buch, denn Anna unterhält sich mit ihrer Oma und mit einer Nachbarin. Wieder einmal haben wir hier aber ein Buch für „hautfarbenweiße“ Kinder in ihrer eigenen Welt, nicht mal im Zoo (dem Ort mit den meisten Menschen im Buch) finden sich Abbildungen von andershautfarbigen Menschen, die dort auch zu Besuch sind oder arbeiten. Tja. Schade.

Luise Holthausen (Autorin), Sandra Reckers (Illustratorin: Bärenstarke Anna. Frankfurt am Main: 2013, Fischer DUDEN Kinderbuch.

Alle Kinder: Ein Lieblingsbuch der Schadenfreude.

Alle Kinder: Ein Lieblingsbuch der Schadenfreude.

Könnt ihr euch noch an die alten Spielplatzwitze erinnern? „Allen Kindern steht das Wasser bis zum Hals. Außer Rainer. Der ist kleiner.“ 26 dieser bitterbös-gemeinen Sprüche haben Anke Kuhl und Martin Schmitz-Kuhl zusammen mit ihren Kindern Julie und Lasse gesammelt, zum Teil weiterentwickelt und illustriert. […]

Fahrzeuge sind für alle da!

Fahrzeuge sind für alle da!

Ravensburger hat ein neues Fahrzeuge-Pappbilderbuch für Kleinkinder herausgebracht: Bagger, Traktor, Müllabfuhr heißt es, und da der Verlag in den letzten Jahren meinem Eindruck nach bei vielen Kinderbüchern mehr und mehr darauf achtet, geschlechtergerechte Illustrationen zu verwenden, habe ich mir dieses Buch gestern in der Buchhandlung […]

Nixe Nane: Wo bitte geht‘s zum Meer?

Nixe Nane: Wo bitte geht‘s zum Meer?

Nixe Nane, wo bitte geht's zum Meer?Diese Rezension schreibe ich aus einem Kinderzeltlager, nachdem neulich eines der Kinder aus der kleinsten Gruppe ein Buch und dazu die auf dem Foto mit zu sehende, supercoole Karte geschickt bekam und mir zeigte. Die Karte machte schon so neugierig, dass ich fragte, ob ich das Buch wohl vorlesen dürfte – natürlich nicht dem Kind selbst, weil es, stolz wie Bolle nach dem ersten Schuljahr, das Buch verständlicherweise selbst durchschmökern wollte, sondern einer kleineren Gruppe anderer Kinder zu kuscheliger In-Den-Regen-Schau-Zeltstimmung. Ich durfte. Und empfehle es weiter.

Eine kleine Patchworkfamilien-Nixe¹ namens Nane, wohnhaft in einem Baggerloch, macht sich bei Regenwetter auf zu einer halb unfreiwilligen Abenteuerreise in Richtung Meer. Unterwegs trifft sie eine andere Nixe, die sie mutig aus einem ziemlichen Schlamassel befreit, und wird von befreundeten „Erwachsenen“ (Lehrer Bisamratte und einem Hund, der nur sich selbst gehört) abends wieder nach Hause ins Baggerloch gebracht. Trotz Ausreißens ohne Schimpfen, „denn das vertragen Baggerlochnixen nicht“ (sinngemäßes Zitat). Vielmehr motivieren diese die Nixe, es noch einmal zu versuchen bis zum Meer. Aber ausgeruht, denn für große Reisen „muss man ausgeschlafen sein“. Und dass sie es noch einmal versuchen und irgendwann schaffen wird, das kann die lesende Kinderschar aber wissen, denn im letzten Satz des Buches wird genau diese verheißungsvolle Aussicht für die Nixenzukunft versichert.

Ein lustig geschriebenes Erstlesebuch, verlagsseitig vorgesehen für Kinder ab 7 (bzw. für solche, die sich schon an ganze Seiten voll – ausreichend großer – Schrift trauen), in dem die Kinder-Protagonisten sehr unrosige Mädchen(nixen) und die Erwachsenenprotagonisten sehr verständnisvoll-nichtmachohafte Männer(tiere) sind. Als Vorlesebuch (Lesedauer ca. 20Min., wenn ihr die vielen schönen Bilder – ebenfalls sehr unrosa, welche Freude! – ausgiebig anschaut, gegebenenfalls länger) auch schon für Kinder ab etwa 3 1/2 – 4 Jahren gut geeignet, schätze ich. Kann ich vorbehaltlos empfehlen.

¹Nixe Nane und ihre gut 40 Geschwister haben zusammen eine Mutter und drei Nixenväter, und wer nun genau der jeweilige Nixenvater ist, weiß die Nixenmutter nicht, denn bei so vielen Kindern kann sie sich wirklich nicht alles merken. Und es ist auch nicht wichtig, denn Nixen ziehen eh mit sechs Jahren zuhause aus.

Sylvia Heinlein, Stefanie Reich (Illustr.): Nixe Nane. Wo bitte geht‘s zum Meer? Berlin: 2013, Tulipan Verlag.

Forschen mit Luzie

Forschen mit Luzie

Neulich in ‘ner Bahnhofsbuchhandlung beim Warten auf den verspäteten Zug entdeckt – und aufgrund des Covers zunächst interessiert durchgeblättert: „GRUNDSCHULWISSEN EXPERIMENTE“ aus dem Duden Verlag. Dröger Titel, klasse Buch. 50 Experimente, die fast alle mit in so ziemlich jedem Haushalt verfügbaren oder leicht zu beschaffenden […]